Mitten in der Nacht in Northeim: Mein Funkmelder piept – ab jetzt zählt jede Minute. Sirenen heulen, Blaulicht zuckt durch die Straßen. Im nächsten Moment sitze ich mit dem Notarzt Sören Heitmann im Wagen, der Funk sprengt die Stille: Einsatzmeldung. Irgendwo wartet ein Mensch in Not. Doch ich lerne schnell: Nicht jeder Einsatz ist ein Kampf um Sekunden, und nicht jede Alarmierung erfordert tatsächlich einen Notarzt. Für eine Reportage habe ich über den Zeitraum von einem halben Jahr Notarzt Sören Heitmann bei seiner Arbeit begleitet.
Morgens in der Rettungswache – Erwartungen und erste Einsätze
Ein paar Stunden zuvor, am Morgen meiner ersten 24-Stunden-Schicht, betrete ich die Rettungswache Northeim mit klopfendem Herzen. Das Team begrüßt mich mit Kaffee und Gelassenheit. Für sie ist es Routine – für mich ein Sprung ins Ungewisse. „Willkommen im Klub der Verrückten“, scherzt ein Notfallsanitäter mit einem Zwinkern, als er mir eine warnorangene Jacke reicht. Ich werde den ganzen Tag und die ganze Nacht mitfahren, um die Arbeit der Lebensretter hautnah zu erleben. Meine Vorstellung: Adrenalin pur, ein Notfall nach dem nächsten. Die Realität holt mich noch vor dem Mittag ein.
Der erste Alarm lässt nicht lange auf sich warten. Noch bevor mein Kaffeebecher leer ist, knistert der Lautsprecher: Notfalleinsatz. Sekunden später sitzen wir im Notarzt Einsatzfahrzeug (NEF). Blaulicht spiegelt sich in den Schaufenstern der Stadt, während der Fahrer konzentriert durch den Verkehr steuert. Mein Puls rast – doch am Einsatzort dann die erste Überraschung: Kein dramatischer Unfall, keine Wiederbelebung. Ein älterer Herr mit Atemnot, bereits vom Rettungsteam versorgt. Ein Notarzt war zur Unterstützung gerufen worden, aber eigentlich haben die Notfallsanitäter schon alles im Griff. Sören Heitmann hört kurz die Lunge ab, beruhigt den Patienten und nickt: „Da wurden wir auch gebraucht, alles gut.“ Mir fällt auf, wie routiniert und ruhig das Team arbeitet. Teamarbeit statt Hierarchie, genau das predigt Heitmann auch: „Rettungsdienst ist Teamleistung. Jeder bringt Ideen ein, jeder soll seine Meinung äußern. Es geht um den Patienten, und da zählt jeder Beitrag“. In diesen Minuten verstehe ich: Hier zählt nicht der große Held mit Doktortitel, sondern das perfekte Zusammenspiel aller.
Während wir den Patienten ins Krankenhaus bringen, erklärt man mir den Unterschied der Rollen an Bord. Notfallsanitäter sind heute viel mehr als Fahrer oder Tragehelfer. „Eine Berufsgruppe, die es so erst seit 2014 gibt“, erläutert Heitmann, „drei Jahre lang lernen sie nichts anderes als Leben retten“. Sie dürfen mittlerweile sogar invasive Maßnahmen ergreifen, Zugänge legen, Medikamente geben, vieles, was früher nur Ärzte tun durften. Oft hat der Notfallsanitäter schon behandelt, bevor der Notarzt eintrifft. „Das führt dazu, dass ein Notfallsanitäter oft Maßnahmen ergriffen hat, die früher der Arzt gemacht hätte… Und das ist gut so. Für den Patienten zählt vor allem, dass Hilfe schnell da ist“, betont Heitmann. Ich staune, wie viel Verantwortung diese jungen Leute tragen und wie bescheiden sie dabei auftreten.
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Alltag im Einsatz – Warten, Kaffee und (gefühlte) Notfälle
Zurück an der Wache kehrt erstmal Ruhe ein. Warten gehört zum Alltag, das merke ich schneller als gedacht. Die Funkmelder liegen bereit, jeder Handgriff ist mental vorbereitet, doch stundenweise passiert: nichts. „Jetzt bloß nicht nichts sagen“, warnt mich ein Sanitäter lachend, als wir abends beim x-ten Becher Kaffee sitzen. Aberglaube der Blaulicht-Profis: Wer die Ruhe ausspricht, beschwört den nächsten Alarm herauf. Ironischerweise ist genau diese Ruhe ein großer Teil des Jobs. Während unserer gemeinsamen Schichten machen wir vor allem eines: warten. Das Licht des Rettungswagens schimmert durch das Garagentor, das Radio murmelt in der Ecke, doch jeder ist mit einem Ohr beim Melder.
Mit fortschreitender Stunde erlebe ich eine bunte Mischung von Einsätzen. Nicht jeder Einsatz ist ein Herzstillstand oder schwerer Unfall. Viele Alarmierungen entpuppen sich als Bagatellen – aus medizinischer Sicht. Für die Betroffenen aber sind es echte Notlagen, auch wenn es objektiv „nur“ Fieber oder Bauchschmerzen sind. „Es ist nicht bösartig gemeint, wenn jemand wegen Durchfall den Rettungsdienst ruft“, erklärt mir Sören Heitmann. „Viele sind alt, allein, überfordert. Menschlich absolut nachvollziehbar, dass man sich in gefühlter Not einen ,Onkel Doktor‘ an der Seite wünscht“, sagt er. Diese empathische Sicht beeindruckt mich. Niemand im Team schimpft über „falsche“ Alarme, auch wenn sich später herausstellt, dass Blaulicht und Notarzt eigentlich nicht nötig gewesen wären. Trotzdem merke ich, dass solche Einsätze Kraft kosten. „Man fährt dann mit Blaulicht zehn Kilometer und am Ende kommt nur Husten und Schnupfen bei rum. Das ist manchmal frustrierend“, hatte mir ein Notfallsanitäter gestanden.
Als die Nacht anbricht, spüre ich die erste Müdigkeit. Doch für Schlaf ist keine Zeit, noch während ich darüber nachdenke, reißt uns der nächste Alarm von den Stühlen. Diesmal ist es ernst. Mitten in der Dunkelheit rasen wir aufs Land hinaus: Meldung „Reanimation“, Herz-Kreislauf-Stillstand. Beim Eintreffen vor Ort spielt sich ein eindrucksvolles Bild ab: Im Flur eines Wohnhauses kniet bereits ein Mann aus der Nachbarschaft über dem Patienten und drückt rhythmisch auf dessen Brustkorb. Ein „Mobiler Retter“, wird mir erklärt, ein freiwilliger Helfer mit medizinischer Ausbildung, der per App alarmiert wurde und blitzschnell vor uns da war. „Ohne diese erste Hilfe haben wir oft keine Chance“, sagt Heitmann später über dieses System. In diesem Moment jedoch spricht niemand, wortlos übernimmt das eingespielte Team. Notarzt und Sanitäter arbeiten Hand in Hand mit dem Ersthelfer. Ich weiche einen Schritt zurück, beobachte die präzisen Handgriffe im flackernden Blaulicht. Jeder Handgriff sitzt, jeder im Team kennt seine Rolle.
Für Außenstehende mag so ein Einsatz chaotisch wirken, doch ich erkenne das Muster dahinter: Es ist eine perfekt einstudierte Choreografie im Dienst des Lebens. Aber heute führt sie nicht zum Erfolg. Der Patient war schon tot, als die ersten Helfer eintrafen. Helfen konnte ihm niemand mehr, auch wenn sie es wollten. Eine Patientenverfügung sagt: er wollte es nicht mehr. Auch das gehört dazu. Ein Mensch stirbt, der Wille aber bleibt. Heitmann kümmert sich um die Angehörigen und den Papierkram. „Manchmal kann ich einem Menschen helfen, manchmal nicht. Dann tue ich das Nötigste, um zu helfen.“
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Zwischenbilanz um Mitternacht – Teamgeist und Belastungsproben
Nach dem Einsatz herrscht auf der Rückfahrt für einen Moment ruhige Stimmung im Wagen. Schwarzer Humor blitzt auf, ein Ventil für die Anspannung. „Ohne Humor und Spaß bei der Arbeit könnte das niemand lange machen. Wir brauchen diesen Ausgleich, um die seelische Belastung zu bewältigen“, hatte Heitmann mir anvertraut.
Zwischen Mitternacht und Morgengrauen geht es Schlag auf Schlag. Ein Einsatz führt uns zu einem häuslichen Unfall, ein anderer zu einem eskalierten Geburtstag mit zu viel Alkohol, wo ein paar Jugendliche mehr Hilfe beim Aufräumen als medizinische Versorgung brauchen. „Bei den Jugendlichen fühlte ich mich fehl am Platz. Das macht mich im Nachhinein wütend“, gibt Heitmann hinterher ehrlich zu. Auch diese Seite gehört zur Realität: Einsätze zwischen Leben und Lachnummer, die das Personal fordern. Ich selbst spüre inzwischen die Erschöpfung. Doch auf jedes Augenrollen wegen unnötiger Alarmierungen folgt sofort wieder volle Konzentration beim nächsten Einsatz. Die Fähigkeit, umzuschalten, ist beeindruckend. In einer ruhigen Phase der Nacht kommen wir ins Gespräch über das System Rettungsdienst und seine Zukunft.
Sören Heitmann, der nicht nur Notarzt, sondern auch Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Landkreis ist, erläutert mir die Herausforderungen. Seit Jahren gehen im Landkreis Northeim die Zahl der Notarzteinsätze zurück. Von über 5.300 in 2019 auf nur noch gut 4.100 im Jahr 2024. Das Team ist hervorragend ausgebildet, aber man fragt sich: Brauchen wir dauerhaft so viele Notärzte an vier Standorten? „Die Einsatzzahlen entwickeln sich so, dass wir die Notärzte in diesem Umfang eigentlich nicht mehr bräuchten“, meint Heitmann. Diese Frage ist zum Politikum geworden: Der Landkreis plante, auf Druck der Krankenkassen zwei der vier Notarzt-Standorte zu schließen, schon in diesem Jahr sollte in Bad Gandersheim kein Notarzt mehr rund um die Uhr warten. Ein Aufschrei ging durch die Region. Ein Jahr vor der Kommunalwahl wollte die Kreispolitik diesen Schritt nicht tragen und lehnte die Sparpläne ab. Fürs Erste bleibt es also beim Status quo, sehr zur Erleichterung vieler Bürger, die um die schnelle Hilfe in ihrer Nähe bangten. Während ich meinen nächtlichen Gesprächspartner ansehe, verstehe ich, in welchem Spannungsfeld er arbeitet: Er muss die Notfallversorgung sichern und zugleich neue Wege finden, um knappe Ressourcen effizient einzusetzen.
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Heitmann zeigt mir, woran bereits gearbeitet wird. Die Zukunft der Notfallmedizin hat für ihn ein Schlagwort: Flexibilität. Schon jetzt denkt man an alternative Konzepte für Einsätze, die keine Blaulichtfahrt brauchen. „Bisher gibt es nur Rettungswagen und Notarzt. Künftig wird es den Notfall-Krankenwagen geben, quasi einen Rettungswagen-light“, hatte er im Interview erläutert. Auch der Gemeinde-Notfallsanitäter ist so ein Ansatz: speziell fortgebildete Notfallsanitäter, die allein zu weniger dringenden Patienten fahren können. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kollegen aus dem Rettungsdienst: Solche „Community Paramedics“ könnten zum Beispiel ältere Patienten versorgen, die keinen Hausarzt mehr haben, damit der Rettungswagen für echte Notfälle frei bleibt.
Telemedizin spielt ebenfalls eine Rolle. Heitmann beschreibt den Tele-Notarzt als „Telefonjoker für Notfallsanitäter“: Per Videozentrale kann ein einziger diensthabender Notarzt mehrere Einsätze aus der Ferne unterstützen. Für das ländliche Südniedersachsen mit weiten Wegen ist das ideal, der Notarzt muss nicht mehr zwingend überall physisch anwesend sein, sondern hilft bei Bedarf per Kamera und Datenübertragung. Keiner dieser Ansätze ersetzt den Menschen vor Ort, betonen alle, mit denen ich spreche. Aber sie schonen die Ressource Notarzt und erhöhen die Treffsicherheit im System: Der echte Notarzt vor Ort wird frei für die wirklich lebensbedrohlichen Fälle. Ich spüre bei Heitmann so etwas wie vorsichtigen Optimismus, dass diese neuen Wege funktionieren könnten.
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Menschen hinter der Uniform – Reflexion am Morgen danach
Um sieben Uhr morgens geht meine Schicht mit dem Team zu Ende, doch niemand rennt gleich zur Tür hinaus. Die wenigsten von uns gehen tatsächlich gleich morgens um sieben nach Hause, hatten sie mir prophezeit. Und tatsächlich: Man plaudert mit der Frühschicht, die uns ablöst, trinkt noch einen letzten Kaffee (oder drei) und lacht gemeinsam über kleine Pannen der Nacht. Ich sehe müde Gesichter, zerzauste Haare und diesen besonderen Blick, den man nach 24 Stunden Dienst hat. Eine Mischung aus Erschöpfung und stiller Zufriedenheit liegt in der Luft.
Beim Abschied klopft mir ein Kollege auf die Schulter: „Die Nacht war richtig doof, oder? Aber hey, wir haben’s geschafft.“ In dem Satz steckt all das drin, was ich in diesem Tag und dieser Nacht gelernt habe. Notfallmedizin ist harte Arbeit, voller unvorhersehbarer Momente: mal frustrierend, mal erfüllend. Hinter jeder Uniform steckt ein Mensch, der mitfühlt, mitlacht, mitkämpft. Ich habe erlebt, wie sie Hand in Hand Leben retten, wie sie mit kleinen Späßen große Belastungen erleichtern und wie sie trotz aller Routine nie vergessen, warum sie das tun. „Es darf und muss Spaß machen. Wenn ich nach Hause gehe und sagen kann, heute habe ich etwas Sinnvolles getan, dann war es gut“, hatte Sören Heitmann mir am Vorabend gesagt. Jetzt, im ersten Licht des Morgens, verstehe ich diese Worte erst richtig. Ich verlasse die Rettungswache verändert – mit tiefem Respekt vor dieser Blaulicht-Familie und dem Wissen, dass schnelle Hilfe das Werk vieler Hände ist.
Und ich hoffe, Außenstehende können durch meine Reportage einen Blick hinter die Kulissen werfen: auf den unsichtbaren Alltag im Rettungsdienst, die Bedeutung von Teamarbeit, die Herausforderungen zwischen echten und gefühlten Notfällen, die leisen politischen Kämpfe um Standorte und vor allem auf die Menschen, die all das mit Herz und Verstand tragen. Rettungsdienst – das ist mehr als Blaulicht und Martinshorn. Es ist Menschlichkeit unter Hochdruck.



