Ein paar Meter abseits des Weges riecht es nach Wald, nach frischem Holz und nach diesem leisen Versprechen, das Grillplätze im Grünen nun einmal mitbringen: Irgendjemand wird hier bald wieder eine Kühltasche abstellen, jemand anderes wird fragen, wer die Kohle mitgebracht hat, und am Ende wird mindestens eine Person behaupten, sie habe den Salat zu Hause vergessen.

An vergangenen Mittwoch, 7. Mai, geht es an der Tourlaviller Hütte im Wieterwald aber noch nicht ums Grillen. Noch stehen Gäste aus Verwaltung, Politik, Forst, Feuerwehr, Schule und Amitiésverein zwischen Bäumen und neuer Holzkonstruktion, schauen auf Balken, Bodenplatte und Informationsschild und tun das, was man bei gelungenen Bauprojekten gern macht: nicken, anfassen, staunen.

„Das Ergebnis ist beeindruckend und spricht für sich“, sagt Bürgermeister Simon Hartmann bei der offiziellen Einweihung. Und tatsächlich muss man an diesem Ort nicht lange erklären, was hier passiert ist. Die Hütte steht wieder. Robust, schlicht, zweckmäßig. Nicht als Denkmal hinter Glas, sondern als Ort, an dem wieder Leben stattfinden soll.

Dabei sah es vor gut dreieinhalb Jahren noch anders aus.

Im September 2022 musste die Tourlaviller Hütte aus Sicherheitsgründen gesperrt werden. Der bauliche Zustand war zu schlecht geworden, um dort weiterhin Menschen zusammenkommen zu lassen. Für viele war das mehr als nur eine Absperrung im Wald. Die Hütte ist einer dieser Orte, die man nicht ständig im Kopf hat, bis sie plötzlich fehlen. Ein Treffpunkt im Grünen, ein Stück Freizeit, ein kleiner Anker in der Geschichte der Stadt.

Ein Wiederaufbau durch eine Fachfirma hätte nach damaligen Schätzungen rund 25.000 Euro gekostet. Für eine Kommune ist das keine Kleinigkeit, erst recht nicht bei einer Grillhütte im Wald. Also begann die Suche nach einer Lösung, die nicht nur bezahlbar, sondern sinnvoll ist.

Gefunden wurde sie bei den Berufsbildenden Schulen II in Northeim.

Die Berufsfachschule Bautechnik erklärte sich bereit, den Wiederaufbau gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern umzusetzen. Was auf dem Papier nach pragmatischer Kooperation klingt, wurde in der Praxis zu einem Projekt mit sichtbarem Wert. Für die Stadt, für den Wald, für die Jugendlichen und für alle, die künftig wieder an diesem Ort sitzen werden.

Im August 2023 begann zunächst der Rückbau der alten Hütte. Die einjährige Berufsfachschule Bautechnik des Schuljahres 2023/2024 nahm die alte Konstruktion auseinander. Der darauffolgende Jahrgang 2024/2025 baute anschließend die neue Hütte auf.

Unter der Leitung von Zimmerermeister und Fachpraxislehrer Michael Brüggemann führten die Schülerinnen und Schüler die Arbeiten eigenständig aus. Abriss, neue Bodenplatte, Grundgerüst, Holzzuschnitt, Aufbau. Es waren keine Übungen an anonymen Werkstücken, die am Ende wieder in einer Ecke verschwinden. Es war ein echtes Projekt, an einem echten Ort, mit echter Verantwortung.

Gerade das macht den Unterschied.

Die Berufsfachschule Bautechnik wird von angehenden Maurern, Zimmerern, Dachdeckern, Fliesenlegern und Pflasterern besucht. Für sie wurde die Tourlaviller Hütte zu einem Lernort außerhalb des Klassenraums. Beton trocknet nun einmal nicht schneller, nur weil der Stundenplan weitergeht. Balken liegen nicht exakt, nur weil es in der Theorie so vorgesehen war. Und wer im Wald arbeitet, merkt schnell, dass Natur, Wetter und Material eigene Vorstellungen haben.

Das Holz für die neue Hütte kam direkt aus dem Northeimer Stadtwald. Das Forstamt Moringen lieferte die Stämme zur Schule, wo sie vorbereitet und zugeschnitten wurden. Anschließend ging es mit dem Material zurück in den Wieterwald. Rund 14 Baumstämme wurden verbaut, jeweils etwa fünf Meter lang. Einige hatten einen Durchmesser von bis zu 50 Zentimetern.

Das klingt nüchtern, ist aber bemerkenswert. Aus dem Stadtwald wurde eine Hütte für die Stadt. Aus Baumstämmen wurden Balken. Aus Unterricht wurde ein Ort, den Menschen nutzen können.

Auch finanziell ist das Projekt ein starkes Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn Verwaltung, Schule und Forst zusammenarbeiten. Die Materialkosten lagen bei rund 2.800 Euro. Für das neue Informationsschild kamen etwa 370 Euro hinzu. Gegenüber einem konventionellen Wiederaufbau konnte der Aufwand damit erheblich reduziert werden. Gleichzeitig wurde kein Sparprojekt daraus, bei dem am Ende nur die billigste Lösung zählt. Der Wiederaufbau bekam einen pädagogischen, handwerklichen und lokalen Wert.

Bei der Einweihung wird dieser Wert sichtbar. Schülerinnen und Schüler der BBS II stehen neben Vertreterinnen und Vertretern der Forstverwaltung. Mitglieder des Amitiésvereins sind dabei, ebenso Ratsmitglieder, Feuerwehrleute und Zeitzeugen der ursprünglichen Einweihung. Einige erinnern sich noch an das Jahr 1970, als die Tourlaviller Hütte erstmals offiziell eingeweiht wurde.

Damals wurde sie durch die Forstverwaltung errichtet und am 13. August 1970 gemeinsam mit französischen Gästen eröffnet. Ihr Name verweist bis heute auf die deutsch-französische Freundschaft und auf die Verbindung Northeims mit Tourlaville. Orte wie diese tragen Geschichte oft leise. Nicht mit großen Tafeln und schweren Worten, sondern durch Nutzung. Durch Menschen, die wiederkommen. Durch Vereine, Familien, Freundeskreise. Durch Gespräche unter einem Dach.

2005 wurde die Hütte bereits einmal durch Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Northeim renoviert. Auch das gehört zu ihrer Geschichte. Immer wieder haben Menschen aus der Stadt Verantwortung für diesen Ort übernommen. Nun haben Schülerinnen und Schüler ein neues Kapitel hinzugefügt.

Das neue Informationsschild erzählt diese Geschichte künftig vor Ort. Es macht deutlich, dass die Hütte mehr ist als eine überdachte Sitzgelegenheit im Wald. Sie ist ein Zeichen für Partnerschaft, für Ehrenamt, für Ausbildung und für eine Stadt, die ihre Orte nicht einfach aufgibt.

Ab sofort kann der Grillplatz an der Tourlaviller Hütte wieder kostenfrei über die Stadt Northeim angemietet werden. Das Areal bietet Platz für rund 50 Personen und steht für private Treffen, Grillabende und gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung.

Wahrscheinlich wird bald wieder jemand dort stehen und fragen, ob noch Teller da sind. Wahrscheinlich wird irgendwo ein Kind einen Stock suchen, obwohl niemand weiß, wofür. Wahrscheinlich werden Gespräche entstehen, die nichts mit Baukosten, Bodenplatten oder Stammdurchmessern zu tun haben.

Und doch steckt all das dann in diesem Ort.

Die Tourlaviller Hütte ist wieder da. Nicht spektakulär, nicht laut, nicht überinszeniert. Sondern so, wie solche Orte am besten funktionieren: verlässlich, offen und bereit für das, was Menschen daraus machen.

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