Es sind Aufgaben, bei denen Kraft allein wenig hilft: Wenn tonnenschwere Trümmer bewegt, Wege geschaffen oder verschüttete Menschen erreicht werden müssen, braucht es schwere Maschinen, Erfahrung und Menschen, die wissen, was der andere gerade tut. Genau dieses Zusammenspiel haben drei Räumgruppen des Technischen Hilfswerks bei einer gemeinsamen Ausbildung in Northeim trainiert.
Meter durch Northeim
Am Anfang steht eine Aufgabe, die auf dem Papier beinahe harmlos klingt: eine gemeinsame Fahrt durch Northeim und die Umgebung. Wer dabei allerdings an eine gewöhnliche Kolonne von Einsatzfahrzeugen denkt, unterschätzt die Dimensionen erheblich. Rund 22 Meter lang sind die Gespanne, auf denen Bagger, Radlader und weitere schwere Geräte transportiert werden. Damit durch Straßen und Kurven zu fahren verlangt Aufmerksamkeit, Erfahrung und ein ziemlich genaues Gefühl dafür, wo das eigene Fahrzeug endet.
Die Räumgruppen aus Northeim, Clausthal und Elze sind an diesem Samstag nach Northeim gekommen, um genau das zu trainieren. Jede von ihnen bringt andere Technik mit. Die Northeimer Gruppe arbeitet als Räumgruppe Typ C mit einem Telelader, Clausthal ist mit einem Radlader als Typ B vertreten und Elze bringt als Räumgruppe Typ A einen Bagger mit.
Das Programm hat der Northeimer Gruppenführer Stephan Köpp ausgearbeitet. Es geht um Maschinen und Material, doch dahinter steht eine grundsätzlichere Aufgabe. Im Einsatz müssen verschiedene Fachgruppen innerhalb kurzer Zeit zusammenarbeiten. Menschen, die nicht jeden Tag miteinander üben, müssen sich aufeinander verlassen können. Ein Fahrer muss seinen Einweiser verstehen. Die nächste Gruppe muss wissen, was zuvor vorbereitet wurde. Bei Geräten dieser Größe ist ein ungefähres Verständnis keine besonders gute Grundlage.
Deshalb beginnt der Tag mit der Verbandsfahrt. Bevor Beton bewegt und Schotter verteilt wird, müssen die großen Maschinen erst einmal dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Betonsteine, bei denen niemand mit den Händen nachhilft
Nahe des Großen Freizeitsees beginnt anschließend der praktische Teil der Ausbildung. Dort warten Betonblöcke, Fahrbahnplatten und Schüttgut. Materialien, bei denen schnell deutlich wird, dass der Begriff Handarbeit irgendwann an seine natürlichen Grenzen stößt.
Mit Telelader, Radlader und Bagger stapeln die THW-Kräfte zentnerschwere Betonsteine, deren Form an überdimensionale Legosteine erinnert. Der Vergleich wirkt beinahe freundlich. Bei diesem Gewicht braucht es allerdings deutlich mehr als ein wenig Fingerspitzengefühl. Die Maschine muss richtig stehen, der Ansatz muss passen und der Fahrer muss die Dimensionen seines Gerätes beherrschen.
Genau darum geht es an diesem Tag immer wieder: um das richtige Maß.
Gewichte müssen eingeschätzt, verschiedene Schüttgüter verladen und durch schwieriges Gelände transportiert werden. Fahrbahnplatten werden verlegt, damit Wege entstehen können. Aus einzelnen technischen Aufgaben entwickelt sich dabei Stück für Stück das Bild einer möglichen Einsatzlage.
Ein Bagger ist im Katastrophenschutz kein Selbstzweck, weil entscheidend ist, was mit ihm erreicht werden kann. Ein blockierter Weg muss frei werden. Material muss an eine Stelle gelangen, die mit normalen Fahrzeugen nicht mehr erreichbar ist. Trümmer müssen bewegt werden, damit andere Helfer weiterarbeiten können.
Das schwere Gerät steht deshalb häufig am Anfang einer ganzen Kette von Maßnahmen. Erst wenn ein Weg wieder nutzbar ist, können weitere Kräfte nachrücken.
Eine Straße entsteht aus Schotter und Genauigkeit
Auf einer rund 50 Meter langen und vier Meter breiten Strecke folgt eine Aufgabe, deren Ergebnis zunächst erstaunlich unspektakulär aussieht. Die THW-Kräfte bauen eine Behelfsstraße.
Dazu arbeiten sie mit einem Nivelliergerät und Schotter. Der Untergrund wird vorbereitet und das Material so eingebracht, dass am Ende eine nutzbare Strecke entsteht. Hier zeigt sich eine weitere Aufgabe der Räumgruppen, weil ihre Arbeit nicht mit dem Beseitigen von Hindernissen endet. Sie können auch Voraussetzungen dafür schaffen, dass andere Einsatzkräfte überhaupt an einen Ort gelangen.
Bei Großschadenslagen kann genau das entscheidend werden. Einsatzorte können schwer zugänglich sein, Wege können fehlen oder Teile der Infrastruktur müssen kurzfristig wiederhergestellt werden. Eine einfache Straße aus Schotter wirkt daneben zunächst wenig spektakulär. Für die Menschen und Fahrzeuge, die über sie einen Einsatzort erreichen sollen, wird sie schnell zu einem entscheidenden Stück Infrastruktur.
Katastrophenschutz besteht häufig aus solchen Dingen. Ein freier Weg, eine belastbare Zufahrt oder eine richtig eingeschätzte Last erzeugen keine spektakulären Bilder. Sie entscheiden trotzdem darüber, wie eine Lage bewältigt werden kann.
Und genau deshalb wird an diesem Samstag gemessen, gefahren, geschoben, geschüttet und immer wieder neu angesetzt.
Wenn der Beton Zeit braucht
Dann kommt jener Teil der Ausbildung, bei dem zunächst ausgerechnet das Warten eine wichtige Rolle spielt. Wenn Hindernisse oder Trümmer kurzfristig gesprengt und beseitigt werden müssen, hält der THW-Landesverband Bremen, Niedersachsen hoch spezialisierte Sprenggruppen an vier Standorten vor. Es gibt allerdings Situationen, in denen keine akute Gefahr für Menschenleben besteht oder der Einsatz von explosivem Sprengstoff zu gefährlich wäre. Dann kann Betonamit zum Einsatz kommen. Der explosionsfreie Quellsprengstoff ermöglicht es, größere Betontrümmer oder Felsen kontrolliert aufzubrechen.
„Das dauert zwar länger, arbeitet aber kontrolliert und ohne Druckwelle oder Erschütterung“, erläutert Stephan Köpp. Für die Übung bohren die THW-Kräfte mit dem Drucklufterzeuger Löcher in Betonquader. Anschließend füllen sie die Sprengmasse hinein. Dann passiert erst einmal wenig. Man wartet.
In einer Ausbildung voller schwerer Maschinen, Motoren und bewegter Tonnen ist das ein bemerkenswerter Gegensatz. Die Kraft entwickelt sich langsam im Inneren des Betons. Die Masse dehnt sich aus und erzeugt Druck, bis der Beton schließlich nachgibt. Der große Brocken zerbricht.
Was dabei vergleichsweise ruhig geschieht, kann im Einsatz entscheidend sein, weil sich Hindernisse auf diese Weise ohne Druckwelle und Erschütterungen beseitigen lassen. Das Verfahren braucht mehr Zeit. Genau diese kontrollierte Wirkung macht es für bestimmte Einsatzlagen interessant.
Auch diese Technik muss geübt werden. Die Arbeit beginnt lange vor dem Moment, in dem der Beton sichtbar bricht.
Drei Gruppen und eine gemeinsame Aufgabe
Am Ende dieses Ausbildungstages stehen gestapelte Betonblöcke, eine angelegte Behelfsstraße und zerbrochene Betonquader. Wichtiger ist die Erfahrung, die die drei beteiligten Räumgruppen miteinander gesammelt haben. Die Northeimer haben mit den Kräften aus Clausthal und Elze gearbeitet. Unterschiedliche Maschinen wurden eingesetzt, Aufgaben mussten aufeinander abgestimmt werden und die Fachgruppen lernten die Arbeitsweisen der jeweils anderen besser kennen.
Für Stephan Köpp ist genau diese Vernetzung wichtig. „Wir wollen auch in Zukunft in Kontakt bleiben und weitere gemeinsame Veranstaltungen machen“, sagt der Northeimer Gruppenführer. Darin steckt eine einfache Logik des Katastrophenschutzes. Zusammenarbeit sollte nicht erst dann beginnen, wenn eine reale Schadenslage bereits eingetreten ist, weil im Einsatz kaum Zeit bleibt, Geräte, Fähigkeiten und Arbeitsweisen gegenseitig kennenzulernen.
Die 22 Meter langen Gespanne, die Betonblöcke, der Schotter und der langsam brechende Beton gehören deshalb zu derselben Vorbereitung. Menschen, Maschinen und Fachwissen müssen zusammenfinden, bevor sie tatsächlich gebraucht werden. Irgendwann steht möglicherweise kein Übungsquader vor den Einsatzkräften. Dann liegt dort ein echtes Hindernis, eine Zufahrt ist versperrt oder schwere Trümmer müssen bewegt werden. Für diesen Moment wird geübt. Dann müssen die Handgriffe sitzen.



