Mit Fury in the Slaughterhouse endete am Samstag die Konzertsaison 2026 auf der Waldbühne Northeim. Rund 6.000 Menschen erlebten dabei einen Abend, der sich trotz großer Bühne erstaunlich klein anfühlte: zweieinhalb Stunden Rockmusik, Regen zwischen den Bäumen und eine Band, die am letzten Abend ihrer Tour nicht mehr viel beweisen musste.

Ein großer Saal mitten im Wald

Irgendwann regnet es. Nicht dramatisch, nicht als jenes Unwetter, bei dem Menschen Schutz suchen und Veranstalter nervös auf Wetter-Apps schauen, doch deutlich genug, dass Jacken geschlossen, Kapuzen übergezogen und die freien Plätze zwischen den Bäumen feucht werden. Auf der Waldbühne gehört das Wetter seit jeher zur Dramaturgie. Wer hier ein Konzert besucht, sitzt schließlich mitten im Wald und bekommt diesen Wald nicht nur als hübsche Kulisse geliefert.

An diesem Samstagabend passt der Regen sogar erstaunlich gut.

Vor der Bühne stehen rund 6.000 Menschen, auf den Rängen ziehen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen den Bäumen hinauf, und dort unten spielt eine Band, die seit Jahrzehnten große Hallen und Festivalbühnen kennt, sich an diesem Abend jedoch aufführt, als habe jemand ein paar Verstärker in eine ziemlich große Kneipe gestellt. Fury in the Slaughterhouse suchen die Nähe zum Publikum, erzählen, kommentieren und scherzen. Die Distanz zwischen Bühne und Zuschauern schrumpft schnell auf eine Größe, die mit Metern kaum noch etwas zu tun hat.

Dass dies ausgerechnet beim letzten Konzert der Tour passiert, gibt dem Abend seinen eigenen Rhythmus. Die Musiker wirken gelöst. Es gibt keinen Eindruck von Routine, obwohl eine Band nach einer langen Open-Air-Saison vermutlich sehr genau weiß, an welcher Stelle welches Licht angeht und wann 6.000 Menschen anfangen werden mitzusingen. Vielmehr entsteht jene entspannte Vertrautheit, die sich einstellt, wenn die Arbeit im Grunde getan ist und trotzdem noch einmal alle zusammenkommen. Bei Kai Wingenfelders Gang durchs Publimum bracht es keinen Sicherheitsdienst.

Vor Fury hatte Pohlmann den Abend eröffnet. Das Konzert war zugleich der Schlusspunkt der Northeimer Open-Air-Saison 2026, die in diesem Jahr unter anderem Sean Paul, Foreigner, ZZ Top und Michael Patrick Kelly auf die Waldbühne gebracht hatte. Fury kehrten nach ihrem ausverkauften Northeimer Konzert des Vorjahres zurück.

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Acht, acht, acht

Kai Wingenfelder braucht keine lange Erklärung für den musikalischen Plan des Abends. Er fasst ihn in drei Zahlen zusammen: 8x8x8.

Acht neue Stücke. Acht Lieder, bei denen die Band ziemlich genau weiß, dass das Publikum sie hören möchte. Und acht Songs, welche die Musiker vom neuen Album selbst gerne spielen, bei denen sie sich über die Begeisterung auf der anderen Seite des Bühnengrabens offenbar nicht ganz so sicher sind.

Es ist ein bemerkenswert nüchterner Bauplan für einen Rockabend und gerade deshalb funktioniert er. Nach fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte könnte man ein Konzert schließlich bequem aus Erinnerungen bauen. Fury besitzen genügend Lieder dafür. „Radio Orchid“, „Every Generation Got Its Own Disease“, „Time to Wonder“ und „Won’t Forget These Days“ gehören längst zu jener Sorte Musik, bei der nach wenigen Takten ganze Generationen wissen, was als Nächstes kommt. In Northeim lässt sich ziemlich genau beobachten, was diese drei Achterblöcke mit einem Publikum machen.

Bei den bekannten Liedern setzt sofort dieser große Chor ein, der bei Konzerten weniger nach Gesang als nach kollektivem Gedächtnis klingt. Menschen kennen Textzeilen, die sie seit Jahrzehnten begleiten. Manche haben sie vermutlich auf Kassette gehört, später auf CD, irgendwann als MP3 und heute über einen Streamingdienst. Dazwischen liegen Arbeitsstellen, Beziehungen, Kinder, Umzüge und all die anderen Dinge, an denen sich ein Leben besser ablesen lässt als an Jahreszahlen.

Dann kommen die anderen Stücke. Das Publikum wird dadurch nicht unruhig. Im Gegenteil: Es entsteht eine andere Form von Aufmerksamkeit. Menschen hören zu, wippen, schauen auf die Bühne und lassen die Musik erst einmal passieren. Niemand wartet sichtbar auf den nächsten großen Refrain. Der Abend besitzt dadurch weniger den Charakter einer Hitparade als den eines Treffens mit alten Freunden, bei dem selbstverständlich die bekannten Geschichten erzählt werden, aber eben nicht nur.

Eine Band, die nichts mehr beweisen muss

Fury in the Slaughterhouse gehören zu diesen Bands, deren Geschichte sich inzwischen über mehrere Lebensphasen ihrer Zuhörer erstreckt. Seit den frühen 1990er-Jahren gehören sie zu den festen Größen der deutschen Rocklandschaft, ihre großen Songs haben längst Generationen von Fans begleitet. Das könnte leicht zu einer Geschichte über Beständigkeit werden, über Erfolge, Chartplatzierungen und jene etwas ermüdende Floskel, eine Band habe „noch immer nichts von ihrer Energie verloren“. Der Northeimer Abend erzählt etwas Interessanteres. Er erzählt von Gelassenheit.

Kai Wingenfelder spricht mit dem Publikum, als müsse er keinen sorgfältig vorbereiteten Showtext abarbeiten. Die Band erlaubt sich jene kleinen Zwischenräume, die große Produktionen oft mühsam aus einem Abend entfernen. Ein Kommentar hier, eine Reaktion dort, ein Blick zu den Kollegen. Es entsteht das Gefühl, dass auf dieser Bühne Menschen miteinander Musik machen und 6.000 andere Menschen sehr genau dabei zusehen. Die Waldbühne wird damit für zweieinhalb Stunden zur vermutlich größten Kneipe Südniedersachsens.

Nur stehen hinter dem Tresen keine Zapfhähne, sondern Verstärker, Schlagzeug und Lichttechnik, und statt einer Handvoll Stammgäste sitzen Tausende zwischen den Bäumen. Das Prinzip bleibt erstaunlich ähnlich: Man kennt sich irgendwie. Man kennt zumindest dieselben Lieder. Und irgendwann singt einer etwas an, das alle anderen übernehmen.

Dann kommt der Regen

Als der Regen einsetzt, verändert sich die Kulisse. Lichtstrahlen werden in der feuchten Luft sichtbar, Wasser fällt durch die Baumkronen, während die Musik weiterläuft. Niemand scheint daraus eine größere Angelegenheit machen zu wollen. Das ist bei einem Open-Air-Konzert bereits eine kleine kulturelle Leistung.

Es wird weitergesungen, weitergehört, weitergestanden. Der Wald riecht nach Regen, die Bühne leuchtet zwischen dunkler werdenden Bäumen, und plötzlich wirkt der Ort wieder genauso eigenwillig, wie er eigentlich ist. Eine Konzertarena, die keine klassische Arena sein will. Eine Bühne, deren Dach irgendwann endet, während über dem Publikum die Äste beginnen.

Gerade Fury passen an diesem Abend dorthin. Die Band baut keine künstliche Distanz auf, und die Waldbühne besitzt ohnehin wenig Talent für Distanz. Selbst bei mehreren Tausend Menschen bleibt der Blick an Baumstämmen, Gesichtern und den ansteigenden Rängen hängen. Wer weit hinten steht, steht immer noch mitten in diesem gemeinsamen Raum.

Im Laufe des Abends wird spürbar, dass Northeim für Fury an diesem Samstag mehr ist als ein weiterer Termin in einer langen Konzertliste. Es ist der letzte Abend der Tour. So ein Abschluss könnte leicht feierlich werden. Große Worte, großes Pathos, eine künstlich verlängerte Verbeugung. Fury brauchen das nicht.

Der Abschied steckt an diesem Abend stärker in der Haltung als in einer Inszenierung. In der Gelassenheit der Musiker.  Darin liegt auch eine kleine Antwort auf die Frage, weshalb Menschen weiterhin zu Konzerten von Bands gehen, deren große Lieder seit Jahrzehnten bekannt sind. Man könnte sie schließlich zu Hause hören, sauber produziert, ohne Regen und ohne jemanden vor sich, der genau im entscheidenden Moment sein Smartphone hochhält. Doch ein gespeichertes Lied kennt keinen Samstagabend.

Es kennt keinen Wald, keinen Regen und keine 6.000 Stimmen, die denselben Refrain im selben Moment erreichen. Es kennt auch nicht diesen kurzen Blick zwischen Musikern, wenn ein Song funktioniert, von dem sie vorher nicht genau wussten, was das Publikum davon hält.

Nach rund zweieinhalb Stunden geht schließlich nicht nur ein Konzert zu Ende. Für Fury endet die Tour. Für Northeim endet die Waldbühnen-Saison 2026. Seit Mai waren hier sehr unterschiedliche musikalische Welten zu Gast, vom Dancehall eines Sean Paul über den Classic Rock von Foreigner und ZZ Top bis zu Michael Patrick Kelly und schließlich Fury.

Am Ende dieses Sommers stehen keine großen Abschiedsworte zwischen den Bäumen. Da sind nasse Jacken, heisere Stimmen und Menschen, die langsam den Weg aus dem Wald antreten. Hinter ihnen liegt eine Bühne, auf der an diesem Abend acht neue Lieder, acht erwartete Lieder und acht persönliche Favoriten zu einem ziemlich einfachen Gedanken zusammengefunden haben.

Eine Band spielt, was sie geworden ist, was ihre Fans von ihr erwarten und was sie selbst noch immer gerne spielt. Mehr braucht ein letzter Abend manchmal nicht.

Fotos: Julia Koch für NOM WMT

Dieser Text wurde durch KI optimiert.

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