Poetry Slam: Ganz schön, manchmal traurig

Lampenfieber zaubert ein unverwechselbares Beben in die Stimme. Der Lichtkegel steht scharf auf das quietschende Mikrofon gerichtet, die Northeimer Stadthalle ist voll. Es ist Poetry Slam, zehn Schüler des Corvinianums haben Texte vorbereitet.

Die Stadthalle ist bereit. Das Publikum ist bereit. Applaus, los gehts.

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Der Abend

Der Poetry-Slam in der Northeimer Stadthalle beginnt mit einer Überraschung. Moderator Felix Römer fällt aus, Joachim Linn und Nils Früchtenicht übernehmen. Das Duo tut der Veranstaltung gut, wirft sich Gags hin und her, nimmt das Publikum mit und drückt offenbar die richten Knöpfe. Entstanden ist der Event auch auf Initiative des Fördervereins der Stadthalle Northeim, weshalb Sylvia Ernst in ihrer Eröffnung allen Möglichmachern dankte. Vorangegangen war ein wochenlanger Auswahlprozess am Corvinianum und ein intensiver Workshop mit erfahrenen Poetry-Slammern. Die Schüler, die nun auf die Bühne kommen, haben für das Finale bereits ihre eigenen Mitschüler überzeugt. Nun ist das Publikum an der Reihe.

Allem voran aber steht der Respekt vor dem Poeten, betonen die beiden Moderatoren. Zwar wollen sie nach jeder der zwei Runden das Publikum mit Applaus entscheiden lassen, welcher Text ihnen am besten gefallen hat. Tatsächlich vergleiche man aber „Äpfel mit Autoreifen, oder so ähnlich“ – entsprechend schwer machten es sich Linn und Früchtenicht schließlich auch, einen Gewinner zu küren. Die gab es aber trotzdem nach jeder Runde: Tom Heiduck überzeugte das Publikum mit einem sprachgewaltigen Familienstreit, der trotz des schweren Themas mit Witz überzeugte. Tim Binnewies sorgte mit einer Liebeserklärung für Kreisklassen-Fußball für Lacher – und überzeugte.

Eingeleitet wurde der Northeimer Poetry Slam von der bekannten Science-Slammerin Thora Schubert. Die Geologin aus Göttingen nutzt die Slam-Bühne, um ihre Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren – mit viel Witz und jeder Menge Schadenfreude.

Thora Schubert lockert ein sonst steintrockenes Thema mit viel Humor.

Die Poesie

Neben den Schülern standen vor allem ihre Texte im Mittelpunkt. Ein Poetry-Slam ist normalerweise sehr minimalistisch: Ein Slammer, eine Bühne, ein Mikrofon. Mehr gab es auch in Northeim nicht. Gespannt konzentrierte sich das Publikum deshalb auf jedes Wort, jede Silbe und jeden Laut von dort oben. Die Texte waren so bunt wie die Schüler selbst. Viele der Texte begleiten die Schüler bei der Suche nach etwas: sich selbst, die Liebe, eine Zukunft. Nichts ist konstruiert, alles irgendwie ehrlich und immer voller Leidenschaft.

Zehn Schüler stehen auf der Bühne, in zwei Gruppen aufgeteilt. In „Wie soll ich es sagen“ beginnt Eva Werner mit ihrem Text ihre Suche nach drei Worten, die sie unbedingt sagen möchte. Als Erste hat sie es nicht leicht, finden die Moderatoren. Nach zwei Sätzen beweist Sie: kein Problem.

Einen Weg, „Der Weg“, geht auch Ali Güney. Seine Aufregung ist nicht gespielt, suchend hält er sich an seinem Text fest. Das seine Worte dabei manchmal eigene Wege gehen, verrutschen: das Publikum verzeiht es ihm. ZU kraftvoll, zu wichtig und wundervoll ist sein Text, als das man ihm das nicht durchgehen lassen will. „Wichtig ist nur, dass du auf diesem Streifzug nicht vergisst, dass Du und auch nur du der Protagonist deiner eigenen Geschichte bist.“ Genug gesagt, den Sieg hat er nur knapp verpasst.

Viele der Texte rüttel wach. Weil sie so überraschend sind. Weil sie von jungen Menschen kreiert wurden, die das zum ersten Mal gemacht und dabei auch eine Menge gefunden haben: Sich selbst, Selbstbewusstsein, Talent, Freude.

Teresa Wolff geht für ihren Text „Einfach mal richtig Leben“ jeden Meter mit vollem Einsatz. Die Kritik an der Konsumgesellschaft präsentiert sie nicht nur mit scharfen Worten, sondern auch mit stimmlichem Auf und Ab: Schnell, langsam, laut leise. Die Magie des Poetry Slam liegt nicht immer nur in den Worten, sondern darin, wie sie ausgesprochen werden. Auch deshalb schreit der Northeimer Poetry-Slam nach einer Neuauflage, spätestens in 2021.

Nur Gewinner: Die Corvi-Lehrer Katja Rott und Marco Wolff (links) mit den Moderatoren Johannes Linn und Nils Früchtenicht und Kuratorin Sylvia Ernst (rechts unten) umrahmen die Schüler.

Die Zukunft

Dann vielleicht sogar mit noch mehr Schülern. Die Gespräche laufen bereits, auch andere Schulen wieder in den Wettbewerb zu holen. In der Pause, auf den Fluren und im Foyer der Stadthalle sind die Zuhörer begeistert. Klar: Die meisten von ihnen sind Familie und Freunde der Vortragenden. Aber auch viele Neugierige haben sich ein Ticket gekauft und fühlen sich inspiriert. Ob ein solcher Poetry Slam in Northeim auch funktionieren würde, ohne Workshop und Schule? Mit einer offenen Liste, mit bekannten und unbekannten Stimmen und Gesichtern? In Göttingen funktioniert das. Und die Bahn fährt halbstündlich.

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