Am 11. und 12. September wird der Münsterplatz wieder zum Kinosaal unter freiem Himmel. Zwei Filme, freier Eintritt und ein Platz mitten in Northeim reichen aus, um aus einem gewöhnlichen Septemberwochenende zwei Abende zu machen, an denen die Innenstadt noch ein wenig länger wach bleibt.
Wenn der Münsterplatz langsam zum Kinosaal wird
Es beginnt ziemlich unspektakulär. Jemand trägt einen Klappstuhl über den Münsterplatz. Eine Familie breitet eine Decke auf dem Rasen aus, Freunde suchen einen Platz mit guter Sicht, irgendwo raschelt bereits die erste Tüte Popcorn. Noch ist es hell genug, um die Gesichter der anderen zu erkennen. Noch wirkt die große Leinwand ein wenig fremd zwischen den vertrauten Gebäuden der Innenstadt. Dann wird es dunkler.
Gegen 20.15 Uhr soll an beiden Abenden der Film beginnen, wenn die Dämmerung weit genug fortgeschritten ist und aus einem öffentlichen Platz für einige Stunden ein Kinosaal geworden ist. Es braucht dafür keine roten Sessel, keine nummerierten Plätze und auch keine schwere Tür, die kurz vor Filmbeginn geschlossen wird. Eine eigene Decke oder ein Stuhl reichen aus. Wer nichts davon tragen möchte, kann mit etwas Glück einen der Papphocker bekommen, die das Unternehmen THIMM für die Veranstaltung zur Verfügung stellt.
Das Kino Neue Schauburg und die Northeimer Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Marketing und Tourismus bringen das Open-Air-Kino damit zum zweiten Mal auf den Münsterplatz. Nach der Premiere im vergangenen Jahr wächst die Veranstaltung 2026 auf zwei Abende.
„Der Erfolg aus dem vergangenen Jahr hat gezeigt, dass die Menschen in Northeim diese Abende liebt“, sagt Michael Böhnert, City- und Eventmanager der NOM WMT. „Deshalb haben wir uns gemeinsam mit der Neuen Schauburg und regionalen Partnern für dieses Jahr erneut ein großartiges Programm überlegt.“
Das Ergebnis könnte unterschiedlicher kaum ausfallen. Am Freitag geht es in den Kopf einer Jugendlichen. Am Samstag auf die Tanzfläche.
Freitag wird es emotional
Den Auftakt macht am Freitag, 11. September, „Alles steht Kopf 2“. Der Animationsfilm ist ab 0 Jahren freigegeben und führt zurück in die Gefühlswelt von Riley, die inzwischen älter geworden ist. Damit wird es auch in ihrem Kopf komplizierter. Neue Emotionen tauchen auf, bekannte geraten durcheinander und das Innenleben versucht angestrengt, mit einer Veränderung Schritt zu halten, die außerhalb des Kinos normalerweise schlicht Erwachsenwerden genannt wird.
Freude, Zweifel und Veränderung werden damit zu ziemlich großen Themen für einen Filmabend, der zunächst mit einer Picknickdecke auf dem Münsterplatz beginnt. Genau darin liegt ein Teil seines Reizes. Kinder erkennen Figuren und Farben. Jugendliche erkennen vermutlich einiges von sich selbst. Erwachsene können sich daran erinnern, dass sie manche ihrer heutigen Gewissheiten früher ebenfalls erst mühsam zusammensetzen mussten.
Menschen, die sich sonst beim Einkaufen begegnen, auf dem Weg zur Arbeit aneinander vorbeigehen oder sich bestenfalls kurz zunicken, schauen an diesem Abend gemeinsam auf dieselbe Leinwand. Ein Stadtplatz verändert dadurch nicht seine Funktion, doch er bekommt für einige Stunden eine weitere hinzu. Aus einem Weg wird ein Aufenthaltsort. Aus Fläche wird Treffpunkt.
Solche Momente wirken zunächst klein. Für Innenstädte haben sie inzwischen eine größere Bedeutung. Die Frage, was Menschen dazu bringt, freiwillig in eine Innenstadt zu kommen und dort auch zu bleiben, lässt sich längst nicht mehr allein mit geöffneten Geschäften beantworten. Menschen suchen Erlebnisse, Begegnungen und Gründe, einen Ort mit einer Erinnerung zu verbinden.
Ein Film unter freiem Himmel ist darauf eine angenehm unkomplizierte Antwort.
Samstag gehört der Tanzfläche
Am Samstagabend verändert sich die Stimmung. Dann läuft mit „Dirty Dancing“ ein Film, bei dessen Titel viele Menschen vermutlich keine ausführliche Inhaltsangabe benötigen.
Bevor Baby und Johnny allerdings auf der Leinwand erscheinen, wird zunächst auf dem Münsterplatz getanzt. Eine Tanzgruppe des FC Sülbeck/Immensen gestaltet ein Rahmenprogramm und stimmt die Besucherinnen und Besucher auf den Film ein. Damit beginnt der Abend nicht erst mit dem ersten Bild des Klassikers. Die Bewegung kommt vorher auf den Platz.
„Dirty Dancing“ ist ab zwölf Jahren freigegeben und erzählt eine Geschichte, die seit Jahrzehnten immer wieder ein neues Publikum findet. Es geht um Baby und Johnny, um Nähe und Mut, um Erwartungen und um den Moment, in dem jemand den ersten Schritt machen muss. Manches daran trägt deutlich die Handschrift der Zeit, in der der Film entstanden ist. Die Musik und die Choreografien haben diese Zeit längst überdauert.
Und dann gibt es natürlich noch jene Szenen, bei denen Menschen sehr genau wissen, was gleich passieren wird und trotzdem hinschauen.
Das gehört zum Kino. Manchmal liegt die Spannung nicht darin, das Ende noch nicht zu kennen. Sie entsteht, weil man gemeinsam darauf wartet.
Auf einem Münsterplatz voller Menschen dürfte genau dieser Effekt noch ein wenig deutlicher werden.
Popcorn, Pommes und der eigene Klappstuhl
Die Neue Schauburg sorgt an beiden Abenden auch abseits der Leinwand für das klassische Kinogefühl. Angeboten werden Popcorn und Nachos, Getränke und Cocktails sowie Pommes und Bratwurst. Damit bewegt sich das kulinarische Konzept ziemlich konsequent zwischen Kinoabend und Stadtfest.
Der Eintritt bleibt frei. Wer kommen möchte, muss deshalb vor allem eine Frage beantworten: Worauf möchte ich sitzen?
Decken, Klappstühle und andere geeignete Sitzgelegenheiten dürfen selbst mitgebracht werden. Damit dürfte schon der Weg zum Münsterplatz einen recht zuverlässigen Hinweis darauf geben, wer dasselbe Ziel hat. Menschen mit Campingstuhl unter dem Arm sind an einem Freitagabend in der Innenstadt zumindest verdächtig.
Gerade diese Einfachheit prägt die Veranstaltung. Niemand muss einen Sitzplatz buchen oder lange planen. Freunde können sich verabreden, Familien ihre Decke einpacken und auch Kurzentschlossene können am Abend noch dazukommen.
Das Open-Air-Kino macht damit etwas, das Innenstadtveranstaltungen besonders gut können. Es nutzt einen bekannten Ort anders, ohne ihn dafür neu erfinden zu müssen.
Und wenn es regnet?
Natürlich bleibt noch jene Frage, die bei einer Freiluftveranstaltung in Deutschland praktisch zur Grundausstattung gehört: Was macht das Wetter?
Die Antwort steht bereits fest. Die Filme werden gezeigt.
Sollte das Wetter einen Kinoabend auf dem Münsterplatz verhindern, zieht die Veranstaltung an einen Ausweichort in unmittelbarer Nähe um. Weitere Informationen dazu sollen bei Bedarf rechtzeitig bekannt gegeben werden.
Bis dahin darf allerdings mit einem Münsterplatz gerechnet werden, auf dem sich am 11. und 12. September im letzten Tageslicht langsam Decken und Stühle verteilen, Gespräche ineinander übergehen und irgendwann die Aufmerksamkeit nach vorne wandert.
Am Freitag warten dort die vielen Gefühle im Kopf von Riley. Am Samstag warten Baby, Johnny und eine Tanzgruppe aus Sülbeck und Immensen. Dazwischen liegen Popcorn, Begegnungen und zwei Abende, für die man keinen großen Reiseplan braucht.
Man muss nur in die Stadt kommen, sich einen Platz suchen und bleiben, bis es dunkel genug ist.



