Die Freiwillige Feuerwehr Northeim hat an diesem Wochenende ihren 140. Geburtstag mitten in der Stadt gefeiert. Neben einer Blaulichtmeile entlang der City bleibt eine ungewöhnliche Übung im Kino Neue Schauburg vielen Besucherenden lange in Erinnerung. Insgesamt haben uns die ehrenamtlichen Retter wieder daran erinnert, wie viel Engagement hinter jedem Einsatz steckt.
Popcorn, Getränke und plötzlich ein Feuer im Kino
Im großen Saal der Neuen Schauburg sitzen rund 200 Menschen auf ihren Plätzen. Einige haben Popcorn dabei, andere ein Getränk in der Hand. Vor ihnen erstreckt sich die große Leinwand, auf der an diesem Nachmittag allerdings kein Hollywoodfilm läuft. Draußen fahren Feuerwehrfahrzeuge vor. Einsatzkräfte legen Atemschutzgeräte an. Im Kino wird ein Brand angenommen. Was dann passiert, gehört wohl zu den ungewöhnlicheren Momenten in der 140-jährigen Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Northeim. Und der Neuen Schauburg.
Eine Kamera begleitet die Einsatzkräfte bei ihrem Weg durch das Gebäude und überträgt die Bilder live auf die Leinwand. Die Zuschauer sehen, was die Feuerwehr sieht. Sie verfolgen den Weg der Atemschutztrupps, bekommen die einzelnen Schritte des Einsatzes gezeigt und hören gleichzeitig Ortsbrandmeister Daniel Schmalstieg, der das Geschehen erklärt und einordnet. Warum gehen die Einsatzkräfte an dieser Stelle so vor? Was passiert als Nächstes? Welche Aufgaben laufen gleichzeitig ab?
Dabei entsteht eine merkwürdige und ziemlich wirkungsvolle Situation. Auf der Leinwand läuft der Einsatz, während die Menschen, die ihn gerade bestreiten, nur wenige Meter entfernt durch dasselbe Gebäude gehen. Die Feuerwehrleute bewegen sich unter Atemschutz durch das Kino und kommen dabei teilweise direkt am Publikum vorbei. Die Grenze zwischen Vorführung und tatsächlichem Einsatzablauf wird für einige Minuten erstaunlich schmal.
Das war eine mutige Idee. Feuerwehrübungen sind normalerweise für die Ausbildung gedacht. Sie folgen festen Abläufen und müssen funktionieren. Bei dieser Übung kam eine weitere Aufgabe hinzu: Rund 200 Menschen im Kinosaal sollten verstehen können, was gerade geschieht. Die Idee ging auf.
Ein Einsatz aus einer Perspektive, die sonst verborgen bleibt
Wer Feuerwehr von außen beobachtet, sieht in der Regel nur einen Ausschnitt. Ein Fahrzeug kommt an, Türen öffnen sich, Schläuche werden ausgerollt und Menschen verschwinden in einem Gebäude. Vieles, was einen Einsatz ausmacht, geschieht anschließend dort, wo Außenstehende keinen Einblick mehr haben. Genau diesen verborgenen Teil brachte die Übung auf die Kinoleinwand.
Die Kamera machte sichtbar, was sonst hinter einer Eingangstür endet. Gleichzeitig gab Schmalstieg den Bildern einen Zusammenhang. Aus schnellen Bewegungen wurden nachvollziehbare Entscheidungen. Aus Feuerwehrleuten mit Atemschutzmasken wurden Einsatzkräfte mit klar verteilten Aufgaben. Aus einer Vorführung wurde ein Einblick in Abläufe, die im Ernstfall funktionieren müssen, obwohl dann niemand Zeit hat, sie einem Publikum zu erklären.
Draußen vor der Schauburg standen noch einmal rund 150 Menschen und beobachteten den Einsatz am Gebäude. Die Drehleiter wurde eingesetzt, Löschwasser floss und die Fahrzeuge bestimmten für einige Zeit das Bild vor dem Kino. Drinnen blickten die Besucher auf die Leinwand. Draußen blickten sie nach oben zur Drehleiter. Beide Perspektiven gehörten zum selben Einsatz. Der Eintritt war übrigens frei. Das Erlebnis dürfte trotzdem schwer zu wiederholen sein.
Wenn die Blaulichter die Innenstadt übernehmen
Schon zuvor hatte sich die Northeimer Innenstadt am Samstag deutlich verändert. Einsatzfahrzeuge standen dort, wo an normalen Tagen Einkaufsverkehr, Fahrräder und Fußgänger das Bild bestimmen. Die Freiwillige Feuerwehr hatte zu einer großen Blaulichtmeile eingeladen und dafür zahlreiche Organisationen zusammengebracht, die im Alltag häufig erst dann wahrgenommen werden, wenn etwas passiert ist.
Katastrophenschutz, Technisches Hilfswerk, DLRG, Rettungsdienst, Polizei, die Fachgruppe Bevölkerungsschutz und verschiedene Ortsfeuerwehren präsentierten ihre Arbeit und ihre Fahrzeuge. Geräte konnten aus der Nähe betrachtet werden, Einsatzkräfte beantworteten Fragen und erklärten ihre Aufgaben.
Das klingt zunächst nach einer großen Fahrzeugausstellung. Tatsächlich steckt mehr dahinter. Denn neben Löschfahrzeugen, Rettungswagen, Polizeifahrzeugen und technischer Ausrüstung standen an diesem Tag vor allem die Menschen, die diese Technik bedienen. Menschen, die Übungen absolvieren, Bereitschaften übernehmen und im Ernstfall ihre jeweiligen Aufgaben kennen müssen. Gerade bei größeren Schadenslagen reicht eine Organisation allein kaum aus. Dann greifen Strukturen ineinander, die Besucher auf der Blaulichtmeile einmal ohne Zeitdruck kennenlernen konnten.
Das hatte einen angenehmen Nebeneffekt: Niemand musste erst einen Notruf wählen, um herauszufinden, wer eigentlich alles kommt, wenn es ernst wird.
Feuerwehr zum Anfassen
Auf dem Münsterplatz wurde der technische Teil des Tages durch Angebote für Kinder und Familien ergänzt. Dort durfte ausprobiert, gefragt und entdeckt werden. Große Einsatzfahrzeuge besitzen bei Kindern ohnehin eine gewisse magnetische Wirkung. Steht dann auch noch jemand daneben, der Türen öffnet, Geräte erklärt und Fragen beantwortet, ist der Weg vom neugierigen Blick zum Gespräch ziemlich kurz. Und darin lag eine Stärke der Blaulichtmeile. Die Organisationen präsentierten sich nicht hinter Absperrungen. Sie brachten ihre Arbeit dorthin, wo die Menschen unterwegs waren.
Das verändert den Blick auf Rettungskräfte. Ein Feuerwehrauto im Einsatz ist laut, schnell und normalerweise unterwegs zu einem Ort, an dem gerade etwas schiefgegangen ist. Auf dem Münsterplatz blieb Zeit, genauer hinzusehen. Wie viel Technik steckt in einem Fahrzeug? Wer macht diese Arbeit eigentlich? Wie arbeiten Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Polizei, DLRG und Bevölkerungsschutz zusammen?
Ein Jubiläum blickt zwangsläufig zurück. 140 Jahre sind eine lange Zeit. Fahrzeuge, Schutzkleidung und Einsatztechnik haben mit den Anfängen der Northeimer Feuerwehr kaum noch etwas gemeinsam. Der Grundgedanke ist dagegen erstaunlich stabil geblieben. Menschen übernehmen Verantwortung für andere Menschen und bereiten sich auf Situationen vor, von denen alle hoffen, dass sie möglichst selten eintreten.
140 Jahre, die im Alltag weiterlaufen
Die Feier machte dieses Prinzip für einen Tag sichtbar. Auf dem Münsterplatz standen die Organisationen nebeneinander, im Kino wurde aus der Theorie ein Einsatz und auf der großen Leinwand konnten mehrere hundert Menschen verfolgen, was normalerweise im Verborgenen geschieht. Ausgerechnet ein Kinosaal wurde damit zu einem ziemlich passenden Ort für diesen Geburtstag. Dort erzählen Bilder normalerweise Geschichten, deren Ausgang längst feststeht. Bei einem Feuerwehreinsatz gibt es dieses fertige Drehbuch nicht. Es gibt Ausbildung, Erfahrung, klare Abläufe und Menschen, die gelernt haben, unter Druck Entscheidungen zu treffen.
Nach der Übung verschwanden die Einsatzkräfte wieder aus dem Kinosaal. Die Feuerwehrfahrzeuge fuhren irgendwann zurück, die Blaulichtmeile wurde abgebaut und auf dem Münsterplatz kehrte der gewöhnliche Innenstadtalltag zurück.
Geblieben ist ein ungewöhnlicher Blick hinter die Kulissen. Rund 500 Menschen konnten allein rund um die Schauburg aus zwei Perspektiven verfolgen, was Feuerwehrarbeit bedeutet. Viele weitere kamen zuvor auf der Blaulichtmeile mit den Rettungsorganisationen der Region in Kontakt. Genau darin lag die Verbindung zwischen beiden Teilen dieses Geburtstags: Die Technik war beeindruckend. Entscheidend waren die Menschen, die wissen, was sie damit tun müssen.



