Michael Patrick Kelly hat am Freitagabend auf der Waldbühne Northeim gezeigt, was diesen Ort für große Konzerte so besonders macht: Rund 7.000 Menschen können hier gemeinsam feiern und trotzdem für einige Augenblicke das Gefühl bekommen, einem Musiker erstaunlich nah zu sein. Es ist diese eigentümliche Mischung aus Größe und Intimität, die schon die Konzerte von Johannes Oerding geprägt hat und die auch Kelly an diesem Abend für sich entdeckt.
Wenn 7000 Menschen plötzlich ganz nah sind
Es gibt diesen Moment bei Konzerten, in dem eine Bühne ihre eigentliche Größe verliert, obwohl die Scheinwerfer weiterhin über das Publikum ziehen, die Lautsprecher den Wald mit Musik füllen und sich vor der Bühne Tausende Menschen den Hang hinauf verteilen. Michael Patrick Kelly steht an diesem Freitagabend vor rund 7.000 Besucherinnen und Besuchern, spricht mit ihnen, erzählt von seiner Musik und den Gedanken seines Lebens und schafft es, aus einem großen Open-Air-Konzert etwas zu machen, das sich für einen kurzen Augenblick beinahe wie ein persönliches Gespräch anfühlt.
Eigentlich müsste hier Distanz entstehen. Wer weiter oben am Hang steht, ist schließlich einige Meter von der Bühne entfernt, und 7.000 Menschen sind eine Menge, die andernorts schnell anonym werden kann. Auf der Waldbühne passiert erstaunlicherweise das Gegenteil, weil die Menschen dicht beieinanderstehen, weil der natürliche Hang den Blick nach unten auf die Bühne lenkt und weil dieser Ort mit seinen Bäumen und seiner überschaubaren Fläche das Publikum zusammenhält.
Kelly scheint diese Besonderheit schnell zu spüren. Er sucht immer wieder die Verbindung zu den Menschen vor ihm, nimmt sich Zeit zwischen den Liedern und lässt zu, dass ein Konzert mit großer Produktion und entsprechendem technischen Aufwand zwischendurch leise und persönlich werden darf. Das Publikum folgt ihm dabei bereitwillig und schafft jene Stille, die bei mehreren Tausend Menschen fast beeindruckender sein kann als der gemeinsame Jubel wenige Minuten später.
Es sind diese Augenblicke, in denen man versteht, weshalb die Waldbühne eine Qualität besitzt, die sich nur schwer in Besucherzahlen, Bühnenmaßen oder Produktionsgrößen ausdrücken lässt. Rund 7.000 Menschen passen hier zusammen. Sie bleiben trotzdem ein gemeinsames Publikum.
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Ein Gefühl, das Northeim schon kennt
Wer zum Beispiel schon einmal Johannes Oerding auf der Waldbühne erlebt hat, dürfte dieses Gefühl wiedererkennen, denn auch seine Auftritte entwickelten ihre besondere Kraft nicht allein aus den großen Liedern und den Momenten, in denen Tausende Menschen gemeinsam sangen. Oerding sprach mit seinem Publikum, erzählte Geschichten, reagierte auf die Menschen vor ihm und ließ damit eine Atmosphäre entstehen, die für einen Veranstaltungsort dieser Größenordnung ungewöhnlich persönlich wirkte.
Bei Michael Patrick Kelly kehrt dieses Gefühl zurück, ohne dass sich die beiden Künstler musikalisch oder in ihrer Art auf der Bühne gleichen müssten. Entscheidend ist etwas anderes: Beide verstehen offenbar sehr schnell, was ihnen dieser Ort anbietet, wenn sie sich auf ihn einlassen. Die Bühne bildet keine harte Grenze zwischen denen, die auftreten, und denen, die zuschauen. Sie wird für einige Stunden zum Mittelpunkt eines gemeinsamen Raumes, der am Fuß des Hangs beginnt und erst dort endet, wo zwischen den letzten Zuschauerinnen und Zuschauern wieder der Wald übernimmt.
Kelly scheint im Laufe des Abends zunehmend Gefallen daran zu finden. An dem Blick von der Bühne hinauf auf die Menschen, an ihrer unmittelbaren Reaktion und an dieser merkwürdigen Nähe, die trotz der Größe des Konzerts erhalten bleibt. Man kann sich offenbar in eine Bühne verlieben, und Johannes Oerding hat in Northeim bereits gezeigt, wie schnell aus einem Konzerttermin eine besondere Beziehung zu einem Veranstaltungsort entstehen kann. Bei Michael Patrick Kelly wirkt es an diesem Abend ähnlich.
Der Wald spielt immer mit
Natürlich lebt ein Konzert dieser Größenordnung auch von dem, was eine moderne Tourproduktion mitbringt. Licht, Video, Sound und Dramaturgie greifen ineinander, während Kelly mit seiner Band zwischen großen Popmomenten und ruhigeren Passagen wechselt und damit einen Abend aufbaut, der seine Dynamik aus genau diesen Gegensätzen gewinnt. Doch die Waldbühne fügt dieser Produktion etwas hinzu, das sich in keinen Tourtruck laden lässt.
Die Bäume stehen einfach da, seit Jahrzehnten, ziemlich unbeeindruckt davon, wer gerade auf der Bühne spielt. Wenn es langsam dunkel wird und das Licht der Produktion stärker hervortritt, verändert sich dieser Ort beinahe unmerklich, weil aus einem Gelände mitten im Northeimer Wald für einige Stunden eine Konzertarena wird, ohne dass der Wald dabei vollständig verschwindet. Er bleibt sichtbar, er rahmt die Menschen ein und sorgt dafür, dass selbst eine große Produktion nicht beliebig wirkt.
Gerade in einer Zeit, in der Tourneen immer aufwendiger werden und Bühnenbilder durch Deutschland und Europa reisen, die jeden Abend möglichst identisch funktionieren sollen, besitzt ein Veranstaltungsort mit einer eigenen Persönlichkeit einen besonderen Wert. Ein Künstler bringt seine Show mit nach Northeim, doch Northeim fügt dieser Show etwas hinzu.
Genau darin liegt die Stärke der Waldbühne.
Wie groß soll die Waldbühne eigentlich sein?
Wenn über die kommenden Jahre gesprochen wird, richtet sich der Blick schnell auf Namen und Größenordnungen. Welche Künstler könnten nach Northeim kommen, welche Tournee passt hierher und wie viele Menschen lassen sich für ein Konzert begeistern? Das sind wichtige Fragen, weil große Veranstaltungen wirtschaftlich funktionieren müssen und weil eine Bühne dieser Art dauerhaft nur bestehen kann, wenn Veranstalter, Künstler und Publikum sie annehmen.
Der Abend mit Michael Patrick Kelly wirft allerdings noch eine andere Frage auf: Was soll die Waldbühne eigentlich sein?
Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie nicht versucht, eine Arena mit möglichst vielen Menschen zu ersetzen. Sie hat ihre eigene Größenordnung gefunden. Sie ist groß genug für Künstler, die Tausende Besucherinnen und Besucher anziehen, und gleichzeitig kompakt genug, damit aus diesen Tausenden noch ein gemeinsames Publikum werden kann. Man steht nicht irgendwo in einem riesigen Feld, während die Bühne am Horizont zu einem hellen Rechteck schrumpft. Selbst weiter oben am Hang bleibt das Geschehen vor einem präsent.
Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das sich für die kommenden Jahre kaum hoch genug einschätzen lässt. Die Waldbühne braucht nicht zwangsläufig immer größere Produktionen, um an Bedeutung zu gewinnen. Viel wichtiger sind Künstler, die mit diesem Ort etwas anfangen können, die seine Nähe wahrnehmen und verstehen, dass hier zwischen Bühne, Hang und Wald eine Atmosphäre entstehen kann, die sich andernorts nicht einfach reproduzieren lässt.
Johannes Oerding hat diese Verbindung in Northeim aufgebaut. Michael Patrick Kelly findet sie an diesem Freitagabend ebenfalls. Und es gibt sicherlich Musikerinnen und Musiker, die diese besondere Stimmung gern gegen ein Konzert vor 100.000 Menschen eintauschen wollen.
Zwischen großen Liedern bleiben die kleinen Momente
Natürlich wird an diesem Abend auch gefeiert, gesungen, getanzt und geklatscht. Telefone wandern nach oben, werden wieder eingesteckt und bei der nächsten bekannten Melodie erneut hervorgeholt, während einige Menschen jede Zeile mitsingen und andere auf genau den einen Song warten, wegen dem sie gekommen sind. Das gehört zu einem großen Konzert und es gehört zu einem Sommerabend auf der Waldbühne.
In Erinnerung bleiben dürften trotzdem auch die leiseren Momente dazwischen, wenn Kelly erzählt, wenn das Publikum zuhört und wenn für einige Sekunden jene besondere Ruhe über dem Gelände liegt, die bei 7.000 Menschen eigentlich kaum möglich sein dürfte. Gerade dort zeigt sich, weshalb solche Abende für Northeim mehr bedeuten können als einen weiteren Termin im Veranstaltungskalender, denn eine Stadt dieser Größe bekommt für einige Stunden einen kulturellen Mittelpunkt, zu dem Menschen von außerhalb kommen und der trotzdem unverkennbar mit diesem Ort verbunden bleibt.
Der Wald, der Hang, der Weg hinauf zur Bühne und später wieder hinunter gehören zu diesem Erlebnis genauso wie das Licht und die Musik. Vielleicht ist es deshalb gar nicht entscheidend, dass die Waldbühne in den kommenden Jahren immer größer denkt. Viel wichtiger wäre, dass sie sich genau diese besondere Nähe erhält und Künstler nach Northeim kommen, die eine große Bühne füllen können und trotzdem verstehen, welchen Wert es hat, wenn diese Bühne für einige Minuten ganz klein werden darf.
Später ziehen rund 7.000 Menschen wieder den Weg hinunter, auf dem sie einige Stunden zuvor nach oben gekommen sind. Hinter ihnen liegt die Bühne, das Licht verschwindet zwischen den Bäumen und irgendwo dort oben klingt ein Abend langsam aus, an dem Michael Patrick Kelly offenbar etwas entdeckt hat, das Johannes Oerding schon vor ihm gefunden hatte. Eine Waldbühne mit Tausenden Menschen. Und trotzdem das Gefühl, ziemlich nah dran gewesen zu sein.
Fotos: Julia Koch






