Knirschender Frost bedeckt die Wege im Süden Northeims, Atemwölkchen schweben in der klaren Morgenluft. Minus fünf Grad am Sonntagmorgen: wer würde da freiwillig vor die Tür gehen, noch dazu joggen? Rund 170 Läuferinnen und Läufer taten genau das. Sie versammelten sich vor dem Rockfit-Gebäude im Industriegebiet. Zwischen Lagerhallen und weiten, weißen Feldern blinzelt früh die Sonne durch den Nebel hervor, als sich die ersten Starter um 9 Uhr auf den Weg machen. Keiner beklagt die Kälte – alle wissen, warum sie hier sind.
„Auf geht’s, Leute – jede Runde zählt!“, ruft Organisatorin Sarah Emmermann mit einem Lächeln, bevor sie selbst die Startlinie überquert. Ein Lauf, der verbindet – so lautet das Motto der bundesweiten Aktion Heartbeat Ultra, deren Hauptevent bereits am Vortag in Fulda stattfand. In Northeim wird diese Idee nun mit genauso viel Herzblut fortgesetzt. Vom ambitionierten Marathonläufer bis zur jungen Familie mit Kinderwagen: An diesem Tag machen alle gemeinsam Schritte für den guten Zweck. Start und Ziel liegen vor dem Rockfit in der Robert-Bosch-Straße; dazwischen warten etwa sechs Kilometer Strecke pro Runde. So viele, wie jeder schaffen mag.
Nach jeder Runde können die Teilnehmenden eine wohlverdiente Pause am Verpflegungsstand einlegen, wo dampfender Tee, Kaffee und selbstgebackener Kuchen genauso auf sie warten wie Saft, Süßigkeiten oder eine Banane. Auch ich setze mich im Strom der Läufer in Bewegung. Zunächst führt die Route durch das ruhige Gewerbegebiet, vorbei an stillen Hallen und Büros, die an diesem Sonntag nur stumme Kulisse sind. Schon nach wenigen Minuten sind die Hände klamm und die Wangen rot gefroren. „Ich kann meine Zehen nicht mehr fühlen – na egal, weiter!“, witzelt ein Läufer neben mir und klopft sich mit Handschuhen auf die Schultern, um warm zu bleiben.
In der Ferne erklingt Musik aus einer Anlage: Feuerwehrleute sind in voller Montur und mit Atemluftflasche wie in einem richtigen Einsatz ebenfalls mit dabei, gehen die Kilometer ab. Sie sind heute ein Symbol für die Ehre im Ehrenamt – und haben riesigen Spaß dabei!
Wir lachen kurz und traben weiter. Die Szenerie mag grau und eisig sein, doch keiner hier fühlt sich allein: Bunte Laufjacken leuchten in der Wintersonne, mal überholt mich jemand mit einem freundlichen Gruß, mal hole ich selbst andere ein. Alle paar hundert Meter ist irgendwo ein Mitstreiter zu sehen oder zumindest zu hören, einsam ist heute niemand auf der Strecke. Genau dieses Gemeinschaftsgefühl macht den Heartbeat-Ultra aus: Es geht nicht um Bestzeiten, sondern darum, gemeinsam etwas zu bewegen.
Nach etwa drei Kilometern öffnet sich das Gelände. Die Laufstrecke schwenkt raus aus dem Industriegebiet und führt entlang weiter Felder am südlichen Stadtrand. Hier glitzert der Raureif auf den Wiesen, und in der Ferne sind die Umrisse der Northeimer Wälder puderweiß zu erkennen. Als ich die erste Runde fast geschafft habe, bahnt sich die Sonne endgültig ihren Weg durch die letzten Nebelschwaden. Ein goldener Schein legt sich über die Landschaft und irgendwie auch über die Stimmung. Zurück am Rockfit-Stützpunkt klatschen Helferinnen Beifall. „Weiter so, super gemacht!“, ruft jemand vom Verpflegungsstand, wo sich bereits kleine Grüppchen stärken. Ich schnappe mir einen Becher Saftschorle und ein paar Gummibärchen. Etwas Eis rieselt aus den Haaren, aber innerlich wird es mit jedem Meter wärmer. Heute geht was!

Warum das alles? Warum quälen sich hier dutzende Menschen mit roten Nasen und kalten Ohren durch die Kälte? Nach ein paar tiefen Atemzügen kennt jeder die Antwort: Für Kinder, die mit nur einem halben Herzen auf die Welt kommen. Fontanherzen e.V. heißt der Verein, für den heute gelaufen wird. Er unterstützt rund 550 Familien mit solchen angeborenen Herzfehlern in ganz Deutschland. Halbes Herz – medizinisch gesprochen Hypoplastisches Linksherz-Syndrom – bedeutet, dass die linke Herzkammer des Herzens kaum entwickelt ist. Ohne mehrere Operationen in den ersten Lebensjahren könnten diese Kinder nicht überleben. Eine dieser Familien kommt aus der Region: Ein Baby aus Moringen wurde im Spätsommer mit diesem schweren Herzfehler geboren. Für seine Eltern – Mitglieder bei Rockfit – brach zunächst „eine Welt zusammen“ – doch mittlerweile kämpfen sie sich gemeinsam durch jeden Tag. Ihr kleiner Sohn hat bereits die ersten Eingriffe hinter sich und wird in Hamburg in einem spezialisierten Kinderherzzentrum behandelt.
Während ich mich für Runde zwei dehne, denke ich an diese Familie, die auch Freunde sind. Die Eltern konnten ihr Baby nur wenige Tage daheim haben, bevor es zurück in die Klinik musste. Wie mag es ihnen gehen, jetzt gerade? Vielleicht scrollt die Mutter am Krankenhausbett durch Fotos vom heutigen Lauf. Vielleicht erzählt ein Freund dem Vater per Sprachnachricht, wie hier in Northeim Hunderte Kilometer für ihr Kind und andere Fontan-Kinder zusammenkommen. Tatsächlich wurde der Northeimer Spendenlauf von Freunden der Moringer Familie ins Leben gerufen, um sie zu unterstützen. Sarah Emmermann, selbst mit den Eltern befreundet, hat die Organisation übernommen und man spürt bei jedem Detail des Events, mit wie viel Herz sie bei der Sache ist.
Sogar an eine besondere Geste hat das Rockfit-Team gedacht: Um 10 Uhr startet ein „Kinderwagen-Konvoi“ auf einer kürzeren 3-Kilometer-Strecke, damit auch die Allerkleinsten im Wagen und ihre Eltern Teil der Aktion sein können. Gemeinsam unterwegs – ob laufend oder schiebend – zählt jeder Schritt. Und als die Gruppe der Kinderwagen lachend ins Ziel einrollt, gibt es Extra-Applaus. Es ist ein Anblick, der wohl alle Anwesenden rührt und daran erinnert, worum es heute geht.
Runde um Runde ziehen die Läuferinnen und Läufer ihre Bahnen. Jede und jeder im eigenen Tempo, aber alle mit dem gleichen Ziel. Nach zwei Stunden hat die Wintersonne die Luft etwas erwärmt, die eisigen Minusgrade kratzen immerhin an der Null-Grad-Marke. Bei Rockfit läuft Musik, die Helfer verteilen weiterhin eifrig Getränke, Obst und aufmunternde Worte. Die Stimmung ist ausgelassen und euphorisch. Immer wieder sieht man breites Grinsen in erschöpften Gesichtern. „Ach komm, eine Runde geht noch!“, hört man einen jungen Mann keuchend zu seinem Kumpel sagen – und beide lachen, klatschen sich ab und laufen tatsächlich noch einmal los.
Viele hier wachsen heute über sich hinaus: Was als vorsatzloser Joggingvormittag begann, wird für manche zum persönlichen Rekord. Einige zählen am Ende stolze fünf, sechs oder gar sieben Runden auf ihrem Konto. „Ich hätte nie gedacht, dass ich heute über 30 Kilometer schaffe“, staunt eine Teilnehmerin mit rotem Kopf und strahlenden Augen, während sie sich im Ziel von Freunden in eine Decke gehüllt feiern lässt. Auch Sarah Emmermann bleibt an diesem Tag nicht am Rand stehen: sie schnürt ihre Laufschuhe selbst und schafft vier Runden (knapp 24 Kilometer) zwischen ihren Organisationsaufgaben.
Und ich? Ich hatte mir ursprünglich zwei Runden vorgenommen, doch angesteckt von so viel positiver Energie habe ich tatsächlich drei Runden geschafft – 17 Kilometer! Als ich nach meiner letzten Runde über die Ziellinie trotte, bekomme ich von einem fremden Mitläufer spontan einen kräftigen Klaps auf die Schulter: „Gut gemacht!“, sagt er außer Atem und grinst. In diesem Moment ist jeder hier Gewinner – egal ob eine oder zehn Runden gelaufen wurden. Und fremd sind wir uns auch nicht mehr.
Gegen 15 Uhr neigt sich der Spendenlauf dem Ende zu. Die tiefstehende Novembersonne taucht das Gelände in ein mildes Licht, das die Kälte fast vergessen macht. Unter den Läuferinnen und Läufern macht sich angenehme Erschöpfung breit. Man klopft sich gegenseitig auf die Schultern, trinkt den letzten Schluck Tee und tauscht die Erlebnisse der letzten Stunden aus.
Die genaue Spendensumme, die bei diesem Lauf zusammengekommen ist – gemeinsam mit dem Hauptevent in Fulda – wird erst Ende der Woche feststehen. Doch schon jetzt ist klar: Dieser Sonntag hat mehr bewegt als nur die Beine der Teilnehmenden. Fontanherzen e.V. möchte mit dem erlaufenen Geld ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum aufbauen, das betroffene Kinder und ihre Familien in Zukunft noch besser versorgt. Viele der kleinen Fontan-Herzchen kämpfen ihr Leben lang mit gesundheitlichen Folgen. Umso wichtiger ist ein Netzwerk aus Spezialistinnen und Spezialisten, das ihnen zur Seite steht. Jeder Euro, den Northeim heute erlaufen hat, bringt dieses Ziel ein Stück näher.
Inzwischen laufen die heißen Duschen. Eben noch hallten hier Jubelrufe und Schritte über den Hof, jetzt kehrt langsam Ruhe ein. Doch die Wärme dieses Tages bleibt spürbar. Northeim hat an diesem 23. November Herz gezeigt, im wahrsten Sinne des Wortes. Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis: Mit jedem Schritt, mit jedem gemeinsamen Kilometer, wurde nicht nur Geld gesammelt, sondern auch Hoffnung gesät. Eine Hoffnung, dass Kinder mit halben Herzen eines Tages unbeschwerter leben können. Schritte und Herzen im Gleichklang. Northeim ist an diesem Tag ein Stück näher zusammengerückt, für einen guten Zweck.
Schöner kann ein Lauf nicht verbinden.
Danke an Daniel Rolf für die Fotos. Ihr findet ihn bei Insta unter @jayconx




Ein toller Artikel. Ich bin selbst mitgelaufen und der Artikel beschreibt wie ich mich gefühlt habe. Beim Lesen sind mir die Tränen gekommen.
Möge diese Aktion den Kinder mit halben Herzen und ihren Eltern Hoffnung geben.