Es dauert nur ein paar Minuten, dann kommt die Brille aus der Werkstatt zurück. Vorher war sie schief. Deutlich schief. So schief, wie eine Brille eben aussieht, wenn ihr Besitzer gegen eine Tür gelaufen ist und danach hofft, dass niemand zu genau hinschaut. Hinten im Brillenstudio Schirmer klappert es kurz, ein Griff hier, ein Blick dort, ein wenig Erfahrung in den Fingern, dann liegt sie wieder auf der Nase, als sei nichts gewesen. „Da denkt der Kunde manchmal, wir hätten hinten nur Kaffee getrunken“, sagt Peter Schirmer und lächelt, wobei das mit dem Kaffee nicht ganz falsch ist, aber eben auch nicht die ganze Wahrheit erzählt, denn zwischen Kundengespräch, Werkbank und kurzem Plausch passiert hier etwas, das man von außen kaum sieht: Handwerk, Beratung, Erfahrung und viel Menschenkenntnis.
Genau darum ging es beim Unternehmensbesuch der Northeimer Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Marketing und Tourismus (NOM WMT) im Brillenstudio Schirmer, bei dem Peter Schirmer und sein Sohn Kristoffer Einblicke in ein Geschäft gaben, das auf den ersten Blick Brillen verkauft, auf den zweiten Blick aber viel mehr tut. Im Gespräch geht es um Vertrauen, um Nachfolge, um Fachkräfte, um die Northeimer Innenstadt und um die Frage, welche Rolle ein inhabergeführtes Fachgeschäft in einer Zeit spielt, in der vieles schneller, größer und anonymer wird.
Wer bei Schirmer hereinkommt, bringt nicht immer nur eine Brille mit, sondern manchmal auch eine Geschichte; eine kleine Sorge, eine Alltagskatastrophe oder einfach den Wunsch, kurz erkannt und bemerkt zu werden. Peter Schirmer beschreibt genau das als einen Unterschied zu großen Filialisten, denn viele Kundinnen und Kunden kenne man persönlich, und oft gehe es nicht sofort um Fassung, Glas und Rechnung, sondern zuerst um ein Gespräch, eine Nachfrage oder das Gefühl, dass jemand wirklich hinsieht.
Dieses Gastgebergefühl ist kein Marketingbegriff, sondern eher die alte, handfeste Form von Einzelhandel, bei der man mit Namen, Gesicht und Verantwortung für das steht, was man tut.
Und manchmal auch mit Humor. Denn Schirmer versucht sich längst nicht nur am klassischen Schaufenster, sondern nutzt auch Social Media, dreht Videos, probiert kleine Szenen aus und spielt bewusst mit Überzeichnung, weil Sichtbarkeit heute anders funktioniert als früher und weil ein Fachgeschäft, das Menschen erreichen will, auch dort auftauchen muss, wo diese Menschen längst unterwegs sind.
Trotzdem wird beim Gespräch schnell klar, dass die Zukunft des Brillenstudios nicht allein darin liegt, schöne Fassungen zu zeigen. „Schöne Brillen und gute Brillengläser hat jeder“, sagt Peter Schirmer sinngemäß. Wenn viele Anbieter schöne Brillen haben, muss ein Fachgeschäft an anderer Stelle überzeugen. Bei Schirmer heißt dieser Weg: mehr Augenprüfung, mehr Vorsorge, mehr Gesundheit.
Das Unternehmen möchte den Bereich Screening weiter ausbauen, es geht um Augeninnendruck, Kontakte zu Augenärzten und um eine Kamera, mit der künftig Netzhautaufnahmen möglich werden sollen, die KI-gestützt ausgewertet und bei Auffälligkeiten direkt geprüft werden können. Das klingt technisch, bedeutet im Alltag aber etwas viel Einfacheres: Der Augenoptiker verkauft nicht nur, er passt auch auf. Kristoffer Schirmer sieht genau darin die Entwicklung des Berufs, denn früher sei die Augenoptik stärker handwerklich geprägt gewesen, während es heute immer mehr auch um medizinische Themen, Screening und Zusammenarbeit mit Augenärzten gehe.
Das Handwerk bleibt, aber es bekommt eine neue Nachbarschaft: Gesundheit.
Diese Veränderung passt in eine Zeit, in der Facharzttermine knapp sind, Vorsorge wichtiger wird und viele Menschen niedrigschwellige Ansprechpartner brauchen, die nicht erst dann reagieren, wenn ein Problem bereits groß geworden ist. Im Brillenstudio Schirmer läuft dieser Wandel nicht nur technisch, sondern auch familiär. Kristoffer Schirmer ist inzwischen zur Hälfte am Unternehmen beteiligt, Vater und Sohn führen den Betrieb gemeinsam, wobei nach außen immer stärker die jüngere Generation sichtbar werden soll.
Peter Schirmer beschreibt diesen Übergang mit nüchterner Haltung, denn die junge Generation müsse eigene Erfahrungen sammeln, während der Senior nicht morgens hereinkommen dürfe, um ungefragt zu erklären, wie alles zu laufen habe. Manchmal, sagt er, müsse man sich eben auf die Zunge beißen. Das ist leicht gesagt und in einem Familienbetrieb schwer getan, denn wer ein Unternehmen über viele Jahre geführt hat, kennt jede Ecke, jede Kundin, jeden Ablauf und oft auch jedes Problem, noch bevor es ausgesprochen wurde.
Kristoffer sieht den Wechsel ruhig, denn viel habe sich für ihn nicht verändert, schließlich sei er seit Jahren im Betrieb, habe eigene Ideen einbringen können und sich nie nur als jemand gefühlt, der nebenherläuft. Nur die Verantwortung sei größer geworden, und manchmal denke man abends im Bett noch einmal an das Unternehmen, die Zahlen und die Zukunft.
Bei Schirmer scheint der Übergang zu funktionieren, weil beide Seiten wissen, was sie können, denn der Vater bringt Erfahrung mit, der Sohn bringt aktuelles Fachwissen, neue Ideen und Social Media mit, und beide wissen, dass Harmonie allein kein Betriebskonzept ist. Natürlich gebe es auch unterschiedliche Sichtweisen, sagt Peter Schirmer, alles andere wäre unglaubwürdig, aber entscheidend sei, dass es nach dem Gespräch wieder erledigt sei. Der Unternehmensbesuch der NOM WMT hatte noch eine zweite Ebene, denn es ging nicht nur um ein einzelnes Geschäft, sondern auch um die Innenstadt als Ganzes. Peter Schirmer formuliert es so: Es müsse wieder gelingen, Menschen in die Stadt zu holen, nicht nur, damit ein einzelner Betrieb Umsatz macht, sondern damit die Innenstadt lebt.
Wenn Menschen kommen, sehen sie auch andere Geschäfte, begegnen anderen Menschen und nehmen wieder wahr, was vor Ort überhaupt vorhanden ist. Ein Geschäft allein kann das nicht schaffen, sagt Schirmer deutlich. Denn Innenstadt funktioniert nur gemeinsam. Genau hier liegt die Schnittstelle zur Arbeit der NOM WMT, deren Unternehmensbesuche sichtbar machen wollen, welche Betriebe in Northeim arbeiten, welche Menschen dahinterstehen und welche Themen sie beschäftigen. Es geht nicht darum, mit einer fertigen Lösung in jedes Geschäft zu kommen, sondern zuerst darum, zuzuhören, Fragen mitzunehmen und aus einzelnen Beobachtungen vielleicht gemeinsame Ansätze entstehen zu lassen.
Beim Gespräch im Brillenstudio Schirmer entsteht so eine Idee, die weit über Brillen hinausgeht: wie können junge Menschen wieder einen Bezug zu den Firmen vor Ort herstellen? Wie lassen sie sich für einen Besuch begeistern, mit einem Chef, der auch ihr Nachbar sein könnte? Dass Fach- und Nachwuchskräfte ein großes Thema sind, wird im Gespräch schnell deutlich. Peter Schirmer sagt es ohne Umweg: Mitarbeitende zu finden sei fast unmöglich.
In seinem Betrieb seien mehrere Beschäftigte über 60 Jahre alt, und noch ist viel Wissen im Haus, aber genau dieses Wissen muss weitergegeben werden, bevor es irgendwann fehlt. Kristoffer bringt auf den Punkt, was junge Menschen für die Augenoptik mitbringen sollten: Offenheit gegenüber Menschen, ein wenig handwerkliches Geschick, Freude an Mode und Interesse an Augenprüfung und Augengesundheit.
Vielleicht liegt genau darin die Chance dieses Berufs, denn viele sehen beim Optiker nur die Brillenwand, aber nicht die Wissenschaft dahinter, nicht die Anpassung, nicht die Messungen und auch nicht den Moment, in dem jemand sagt: „Da sollten wir vielleicht noch einmal genauer hinschauen.“
Wenn Peter Schirmer über seine eigene Ausbildung spricht, öffnet sich ein Fenster in eine andere Arbeitswelt. 1976 habe er bei der Firma Lüdke in Northeim gelernt, damals seien Altgesellen da gewesen, Lehrlinge, Goldschmiede und Uhrmacher, und Wissen sei im Alltag weitergegeben worden, oft nicht durch formale Schulung, sondern durch Zuschauen, Mitlaufen und Nachfragen.
Heute, sagt Schirmer, gehe es in vielen Augenoptikbetrieben stärker um Verkaufen und Umsatzzahlen und weniger darum, wie ein Geschäft von Grund auf funktioniert.
Darin steckt mehr als Nostalgie.
Es ist ein Hinweis auf ein Problem vieler Branchen, denn wenn erfahrene Menschen gehen, verschwindet nicht nur Arbeitskraft, sondern auch stilles Wissen, das in Handgriffen, Routinen, Einschätzungen und in der Fähigkeit liegt, eine Situation richtig zu lesen.
Solches Wissen steht selten in Handbüchern. Aber es sitzt in Menschen.
Ein Fachgeschäft dieser Art ist nicht nur Fläche, Sortiment und Kasse, sondern Beziehung, Erinnerung und Verlässlichkeit. Da kommen Menschen nicht nur durch die Vordertür, sondern manchmal auch durch die Hintertür, Freunde und Bekannte schauen vorbei, es wird Kaffee getrunken, erzählt, kurz geholfen und manchmal wahrscheinlich auch länger geblieben, als ursprünglich geplant.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke inhabergeführter Betriebe in der Innenstadt, denn sie können etwas, das Onlinehandel und große Ketten kaum nachbilden können: Sie erinnern sich, sie fragen nach, sie merken, wenn etwas nicht stimmt, und sie richten nicht nur eine Brille, sondern manchmal auch einen Tag.
Das Brillenstudio Schirmer steht damit exemplarisch für viele Fragen, die Northeims Innenstadt in den kommenden Jahren beschäftigen werden.
• Wie bleiben Fachgeschäfte sichtbar?
• Wie gelingt Nachfolge?
• Wie finden kleine Betriebe Mitarbeitende?
• Wie werden junge Menschen für Berufe begeistert, die sie kaum noch aus der Nähe kennen?
• Und wie kann eine Innenstadt wieder stärker als gemeinsamer Ort verstanden werden?
Bei Schirmer gibt es darauf keine fertige Antwort, aber es gibt eine Richtung: mehr Gesundheitskompetenz, mehr persönliche Beratung, mehr Zusammenarbeit, mehr Sichtbarkeit für junge Menschen und ein klarer Wille, sich weiterzuentwickeln, ohne den eigenen Kern zu verlieren.
Vielleicht beginnt Innenstadtbelebung genau so: nicht mit einem großen Konzeptpapier, sondern mit einer schiefen Brille, die jemand in wenigen Minuten wieder geradebiegt.
Vorne wartet der nächste Kunde, hinten klappert es kurz, der Kaffee steht irgendwo bereit, und draußen geht die Stadt weiter.



