Im Foyer der Stadthalle Northeim klingt Künstliche Intelligenz an diesem Dienstagabend erst einmal gar nicht nach Zukunftsmusik. Sie klingt nach Jacken, die über Stuhllehnen gelegt werden. Nach Kaffeetassen auf Stehtischen. Nach einem kurzen „Ach, Sie sind auch hier?“ und nach Visitenkarten, die aus Jackentaschen gezogen werden.
Zwischen Eingang, Begrüßung und dem ersten Blick in den Saal passiert schon vor dem offiziellen Beginn das, wofür die Northeimer Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Marketing und Tourismus mbH ihr WMT-Forum: Wirtschaft ins Leben gerufen hat: Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Unternehmerinnen und Unternehmer, Fachleute und Interessierte reden nicht nur über ein großes Thema. Sie prüfen vorsichtig, was dieses Thema mit ihrem eigenen Arbeitsalltag zu tun hat.
Und dieses Thema ist groß. Künstliche Intelligenz. Zwei Worte, bei denen manche sofort an Chatbots, Maschinen und automatisierte Zukunft denken. Andere eher an Datenschutz, Unsicherheit und die Frage: „Muss ich mich jetzt auch noch damit beschäftigen?“ Die ehrliche Antwort dieses Abends lautet: Ja. Aber nicht panisch. Und nicht allein.
Das WMT-Forum: Wirtschaft beschäftigt sich in der Stadthalle mit genau diesen Fragen. Wie verändert KI den Arbeitsalltag in Unternehmen? Welche Chancen entstehen? Welche Regeln gelten? Und wie kann ein Einstieg gelingen, ohne dass daraus gleich ein riesiges Technikprojekt wird?
Den ersten Impuls gibt Henning Schättler vom Zukunftszentrum Nord. Er führt die Teilnehmenden in die aktuellen Herausforderungen rund um den Einsatz von KI ein. Dabei geht es nicht um Science-Fiction, sondern um Verantwortung. Um rechtliche Rahmenbedingungen. Um die Anforderungen der neuen KI-Verordnung. Und um die Frage, wie Beschäftigte sicher und kompetent mit diesen Werkzeugen umgehen können.
Das klingt zunächst trocken. Ist es aber nicht. Denn hinter jeder Regel steht eine sehr praktische Frage: Wer darf was nutzen? Was passiert mit Daten? Wie können Unternehmen verhindern, dass neue Technik schneller eingeführt wird, als die Menschen sie verstehen? Gerade kleine und mittelständische Betriebe stehen hier vor einer Aufgabe, die nicht mit einem Klick erledigt ist.
Schättlers Botschaft kommt klar an: KI ist kein fernes Zukunftsthema mehr. Sie ist bereits Teil vieler betrieblicher Prozesse. Manchmal sichtbar. Manchmal leise im Hintergrund. Wer sie nutzt, braucht Wissen, Orientierung und Verantwortungsbewusstsein. Wer sie ignoriert, ist deshalb nicht sicherer. Er ist nur schlechter vorbereitet.
Nach dem rechtlichen und strukturellen Blick wird es noch näher am Alltag. Florian Frydetzki von der Northeimer WODIX GmbH zeigt, wie praktisch Künstliche Intelligenz werden kann. Sein Ansatz ist angenehm bodenständig. KI muss nicht mit einem Großprojekt beginnen. Sie kann klein anfangen. Mit einem Ablauf, der schneller wird. Mit einer Routineaufgabe, die weniger Zeit frisst. Mit einer Idee, die man ausprobiert, statt sie in drei Arbeitskreisen zu zerdenken.
Hier liegt vielleicht der wichtigste Perspektivwechsel des Abends. KI wird nicht als Wundermaschine verkauft. Sie wird auch nicht als Bedrohung an die Wand gemalt. Sie wird als Werkzeug betrachtet. Und wie bei jedem Werkzeug stellt sich die einfache Frage: Wofür kann ich es sinnvoll einsetzen?
Frydetzki ermutigt die Teilnehmenden, genau das herauszufinden. Nicht nur über KI reden. Sie ausprobieren. Den eigenen Nutzen entdecken. Beinahe spielerisch, aber nicht beliebig. Denn wer im Betrieb Zeit sparen, Abläufe verbessern und Ressourcen gezielter einsetzen will, muss nicht auf den perfekten Moment warten. Der perfekte Moment ist in der Wirtschaft bekanntlich oft der, der gerade schon vorbei ist.
Nach den Impulsen bleibt der Abend nicht auf der Bühne. Er wandert zurück an die Stehtische. Dort wird gefragt, eingeordnet und verglichen. Manche sprechen über erste Berührungspunkte mit KI. Andere über konkrete betriebliche Herausforderungen. Wieder andere über Unsicherheit. Genau diese Mischung macht den Austausch wertvoll. Nicht jeder muss schon Experte sein. Aber alle müssen anfangen, die richtigen Fragen zu stellen.
Zwischen kurzen Nachfragen und längeren Gesprächen entsteht ein Netzwerken, das nicht auf Visitenkarten beschränkt bleibt. Es geht um Erfahrungen. Um Neugier. Um vorsichtige Skepsis. Um die Erkenntnis, dass Digitalisierung nicht irgendwo in Berlin, Hannover oder Silicon Valley entschieden wird, sondern auch in Northeimer Büros, Werkstätten, Verwaltungen und Besprechungsräumen.
Das ist der größere Punkt dieses Abends. Wirtschaftsförderung bedeutet nicht nur, Flächen, Kontakte und Veranstaltungen zu organisieren. Sie bedeutet auch, Zukunftsthemen in eine Stadt zu holen, in der sie greifbar werden. Künstliche Intelligenz bleibt abstrakt, solange sie nur als Schlagwort durch Nachrichtensendungen läuft. Sie wird konkret, wenn lokale Unternehmen darüber sprechen, wo sie helfen kann, wo Grenzen liegen und welche Regeln gelten.
So wird aus einem Dienstagabend in der Stadthalle mehr als eine Informationsveranstaltung. Das WMT-Forum wird zu einem Ort, an dem sich Northeims Wirtschaft selbst sortiert. Nicht laut. Nicht spektakulär. Aber aufmerksam. Und mit dem Gefühl, dass der Einstieg in neue Technologien weniger einschüchternd ist, wenn man ihn gemeinsam angeht.
Am Ende bleibt kein fertiger Masterplan für alle Unternehmen. Das wäre auch unglaubwürdig. Dafür sind Betriebe, Branchen und Arbeitsprozesse zu unterschiedlich. Aber es bleibt etwas, das oft wichtiger ist: ein Anfang. Ein paar neue Kontakte. Eine konkretere Vorstellung davon, was KI leisten kann. Und vielleicht auch der Gedanke, am nächsten Morgen im eigenen Unternehmen eine Aufgabe anzusehen und zu fragen: Muss das eigentlich immer so laufen?
Im Oktober soll das nächste WMT-Forum: Wirtschaft stattfinden. Bis dahin wird KI nicht weniger wichtig werden. Eher im Gegenteil. Der Abend in Northeim hat gezeigt: Wer Zukunft gestalten will, muss nicht warten, bis sie fertig vor der Tür steht. Man kann sie auch hereinbitten, ihr einen Kaffee anbieten und erst einmal fragen, was sie im Arbeitsalltag wirklich kann.



