Der Rauch kommt nicht langsam, sondern liegt plötzlich im Flur, nimmt dem Klassenraum die Konturen und macht aus vertrauten Wegen ein unbekanntes Gelände. Dort, wo sonst Stimmen über Hausaufgaben, Pausenpläne oder die nächste Klausur zu hören sind, zählt an diesem Donnerstagabend nur noch eine Meldung: Im Gebäude brennt es, mindestens zehn Personen werden vermisst.
Vor dem Gymnasium Corvinianum stehen Einsatzfahrzeuge, Blaulicht spiegelt sich in den Fenstern, Feuerwehrleute legen Atemschutzgeräte an, prüfen ihre Ausrüstung und geben knappe Anweisungen weiter. Danach verschwindet der erste Trupp im Rauch.
Die Freiwillige Feuerwehr Northeim hat am Donnerstag, 30. April, am und im Gymnasium Corvinianum den Ernstfall geprobt. Angenommen wurden ein Feuer im Schulgebäude sowie mindestens zehn vermisste Personen. Für die Einsatzkräfte war das keine Übung mit symbolischem Charakter, sondern ein Szenario, das körperlich, technisch und organisatorisch forderte.
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Eine Schule ist ein besonderer Einsatzort. Viele Räume, lange Flure, mehrere Etagen, Treppenhäuser, Seiteneingänge, Vordächer und Fenster machen die Orientierung schwer, wenn Rauch die Sicht nimmt und mehrere Menschen gleichzeitig gerettet werden müssen. Wer in einer solchen Lage helfen will, muss das Gebäude kennen, die Wege verstehen und die richtigen Entscheidungen unter Druck treffen.
Deshalb wurde die Übung bewusst realistisch angelegt. Ein Klassenraum wurde vollständig eingenebelt, Rauchmaschinen und Pyrotechnik sorgten für eine Einsatzlage, die den ehrenamtlichen Retterinnen und Rettern möglichst nahe an der Wirklichkeit begegnete. Statisten warteten auf einem Vordach der Schule sowie im obersten Stockwerk auf ihre Rettung. Damit mussten Drehleiter, tragbare Leitern, Atemschutz, Menschenrettung, Kommunikation und Führung ineinandergreifen.
Der eigentliche Wert solcher Übungen liegt genau in diesem Zusammenspiel. Feuerwehrarbeit wirkt von außen oft wie der Einsatz von Technik, Schläuchen, Leitern und Fahrzeugen. Tatsächlich geht es in solchen Momenten vor allem um Entscheidungen. Wer geht in das Gebäude? Wo wird gesucht? Welche Leiter kommt zum Einsatz? Wer sichert ab? Wer behält den Überblick, wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig laufen?
An diesem Abend wurde nicht nur geübt, wie Menschen aus einem verrauchten Schulgebäude gerettet werden. Die Übung diente auch dazu, neu ausgebildete Führungskräfte der Freiwilligen Feuerwehr Northeim an verantwortungsvolle Aufgaben heranzuführen. Führung im Einsatz bedeutet, eine unübersichtliche Lage zu bewerten, klare Aufträge zu geben und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass die Kameradinnen und Kameraden ihre Aufgaben beherrschen.
Rund 50 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr waren beteiligt. Hinzu kamen die Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes, das Technische Hilfswerk sowie der Einsatzleitwagen, der von den Ortsfeuerwehren der Stadt Northeim besetzt wurde. Damit wurde das Szenario nicht nur innerhalb einer Einheit abgearbeitet, sondern als gemeinsames Einsatzgeschehen mehrerer Organisationen trainiert.
Der Aufwand ist groß, weil der Ernstfall keine zweite Chance lässt. Wenn in einer Schule tatsächlich Rauch steht, wenn Menschen vermisst werden und Einsatzkräfte vor Ort Entscheidungen treffen müssen, zählt das, was vorher geübt wurde. Dann werden bekannte Flure, abgestimmte Funkmeldungen, sichere Handgriffe an Leitern und klare Führungsstrukturen wichtig.
Am Corvinianum wurde sichtbar, wie viel ehrenamtliche Arbeit hinter dieser Sicherheit steckt. Die meisten Menschen nehmen Feuerwehrleute erst wahr, wenn etwas passiert. Seltener sichtbar sind die Abende, an denen sie üben, planen, Fehler auswerten und Abläufe verbessern. Genau dort entsteht die Sicherheit, auf die sich Northeim im Ernstfall verlassen muss.
Am Ende wurden alle angenommen vermissten Personen gerettet und das angenommene Feuer gelöscht. Die Organisatoren Ruwen Lüdecke und Jan-Tobias Herpolsheimer sowie Ortsbrandmeister Daniel Schmalstieg zeigten sich mit dem Ablauf und dem Ergebnis zufrieden.
Auch Bürgermeister Simon Hartmann beobachtete die Übung vor Ort. Er dankte allen Aktiven, die an der Übung teilgenommen haben und sich täglich für die Sicherheit der Menschen in Northeim engagieren. Besonders hob er hervor, dass neue Führungskräfte Verantwortung übernehmen und wichtige Aufgaben auch im Einsatzgeschehen wahrnehmen.
Der Bevölkerungsschutz lebt nicht allein von moderner Technik. Er lebt von Menschen, die bereit sind, nach Feierabend auszurücken, sich ausbilden zu lassen und Verantwortung zu übernehmen. Er lebt von Organisationen, die zusammenarbeiten, bevor es ernst wird. Und er lebt von einer Stadtgesellschaft, die versteht, dass Sicherheit vorbereitet werden muss.
Dazu gehört auch Kommunikation. Die Stadt Northeim hat die Bevölkerung über den Verlauf der Übung in den sozialen Medien informiert und angekündigt, dies künftig auch bei realen Einsätzen zu tun. Gerade wenn Blaulicht, Rauch oder Sperrungen sichtbar werden, brauchen Menschen verlässliche Informationen, damit keine Gerüchte entstehen und Betroffene wissen, wie sie sich verhalten sollen.
Als der Rauch am Corvinianum wieder verschwunden ist, bleibt das Gebäude äußerlich unverändert. Die Fenster sind wieder Fenster, der Schulhof ist wieder Schulhof. Für die Einsatzkräfte endet die Arbeit trotzdem nicht mit dem letzten geretteten Statisten. Nach der Übung folgt die Auswertung. Was lief gut? Wo müssen Abläufe verbessert werden? Welche Wege waren sinnvoll? Welche Erkenntnisse helfen im Ernstfall?
Sicherheit entsteht nicht erst, wenn der Alarm losgeht. Sie entsteht in solchen Übungen, in der Vorbereitung, in der Ausbildung und in den Entscheidungen von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Am Donnerstagabend war das Corvinianum deshalb mehr als ein Schulgebäude. Es war ein Trainingsort für eine Lage, die hoffentlich nie eintritt, auf die Northeim aber vorbereitet sein muss.



