Seit 25 Jahren schaut ein Drache über Northeim, lockt Menschen in eine Welt aus Figuren, Masken und eigensinnigen Geschichten und hat dabei so manche stürmische Zeit überstanden. Am 12. und 13. September feiert das Theater der Nacht sein silbernes Jubiläum mit einem großen Geburtstagswochenende, das sich nicht auf das Theater beschränkt und die Stadt selbst zur Bühne macht.

Als der Drache nach Northeim kam

Man muss nur vor dem Theater der Nacht stehen und nach oben schauen. Dort sitzt er noch immer, der große Drachenkopf, der aus dem Gebäude hervorzuwachsen scheint und längst so selbstverständlich zu Northeim gehört, dass man leicht vergessen kann, wie ungewöhnlich das alles einmal gewesen sein muss.

Vor 25 Jahren war an dieser Stelle noch keineswegs klar, dass aus einem ehemaligen Gebäude des Technischen Hilfswerks eines der markantesten Häuser der Stadt werden würde. Am 11. August 2001 wurde das Theater der Nacht eröffnet, getragen von Ruth und Heiko Brockhausen und einer Idee, der damals durchaus Skepsis entgegenschlug. Ein freies Figurentheater und soziokulturelles Zentrum in Northeim, mit einem Haus, das selbst aussieht, als sei es einer Geschichte entsprungen? Nicht wenige rechneten offenbar mit einer kurzen Geschichte.

Und er bekam schon bei seiner Eröffnung ziemlich viel Gesellschaft. Rund 10.000 Menschen kamen damals zusammen und machten aus dem Start des Theaters ein großes Stadtfest. Was als mutiges Kulturprojekt begann, wurde damit früh zu etwas, das über einen klassischen Theaterbetrieb hinausging. Das Theater der Nacht spielte nicht einfach Stücke vor Publikum. Es begann, sich in die Stadt einzumischen, Menschen zusammenzubringen und Northeim gelegentlich in eine Kulisse zu verwandeln, in der die Grenzen zwischen Alltag und Theater erstaunlich schnell verschwimmen konnten.

Eine wilde Reise durch 25 Jahre

Die Geschichte verlief dabei keineswegs ruhig. Das Theater selbst beschreibt die vergangenen 25 Jahre als wilde Reise auf rauer See, und dieses Bild passt zu einem freien Kulturhaus, das Widerstände überwinden, Skeptiker überzeugen und immer wieder neue Wege finden musste.

Auf dieser Reise entstanden Projekte, die vielen Northeimerinnen und Northeimern bis heute im Gedächtnis geblieben sind. 2004 arbeitete das Theater für „Der Mond“ mit der Kantorei der St.-Sixti-Kirche zusammen. 2016 entstand anlässlich der Internationalen Händelfestspiele gemeinsam mit Neville Tranter „Händels Hamster“. Zwei Jahre später wurde bei „Nortlantis“ gleich die Innenstadt zur Bühne, als Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern ein großes Theater-Stadtfest auf die Beine stellten.

2025 folgte mit „Herzogsglück & Kaiserschmarrn“ ein Stück zum 1.000. Geburtstag des Grafen Otto von Northeim. Dazu kommen die Deutsche Figurentheaterkonferenz und das „Festival mit Hand & Fuß“, das seit 2016 Theaterschaffende aus Deutschland und dem Ausland nach Northeim bringt und inzwischen selbst sein zehnjähriges Bestehen gefeiert hat.

Es sind diese Spuren, an denen sich erkennen lässt, was 25 Jahre Kulturarbeit in einer Stadt bedeuten können. Manche davon stehen aus Stein oder Metall irgendwo im Stadtgebiet. Andere existieren nur noch in Erinnerungen an einen Abend, einen Umzug oder eine Figur, die plötzlich dort auftauchte, wo man sie an einem gewöhnlichen Nachmittag kaum erwartet hätte.

Zum Geburtstag werden einige dieser Spuren nun wieder miteinander verbunden.

Am Samstag wird die Stadt zur Bühne

Am Samstag, 12. September, beginnt die Geburtstagsfeier um 13 Uhr mit der Eröffnung durch Rupert von Retroberg. Danach verlässt das Jubiläum ziemlich schnell die sicheren vier Wände des Theaters.

Gemeinsam mit der Initiative Kunst & Kultur e. V. geht es auf einen Skulpturenrundgang durch Northeim. Ausgangspunkt sind die Schatzräuber am Heimatmuseum. Von dort führt der Weg zu den Zwergen an der alten Stadtmauer, zu weiteren Figuren und schließlich zur Regentrude im Stadtpark.

Wer diese Figuren im Alltag regelmäßig passiert, kennt einen merkwürdigen Effekt: Irgendwann sieht man Dinge nicht mehr, obwohl sie direkt vor einem stehen. Man läuft vorbei, denkt an den nächsten Termin, den Einkauf oder daran, wo man eigentlich das Auto abgestellt hat. An diesem Nachmittag sollen die Figuren wieder aus diesem alltäglichen Hintergrund hervortreten.

An den einzelnen Stationen warten kleine Musik- und Theatererlebnisse. Aus einem Spaziergang durch bekannte Straßen wird damit eine Reise durch jene Stadt, in der das Theater während der vergangenen 25 Jahre immer wieder seine Spuren hinterlassen hat. Der erste Festtag führt schließlich zurück zum Drachenhaus, wo von 18.30 bis 20 Uhr alle beteiligten Musikerinnen und Musiker gemeinsam ein Konzert geben.

Geburtstagskaffee, Blech und schräge Vögel

Am Sonntag, 13. September, beginnt der zweite Festtag um 11 Uhr mit einem Gottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde St. Sixti.

Ab 12 Uhr wird es dann familiärer. Das Theater lädt zu Geburtstagskaffee und Geburtstagstee ein, bekannte Figuren sollen auftauchen und einige Überraschungen sind angekündigt. Wer das Theater der Nacht kennt, dürfte wissen, dass man den Begriff „Überraschung“ dort durchaus wörtlich nehmen darf.

Um 12.30 Uhr übernimmt die Kasseler Streetband „Blech & Schwefel“ einen Teil der musikalischen Geburtstagsgesellschaft. Ab 14 Uhr gehört die Bühne schließlich den „Schrägen Vögeln“. Die Hausband des Theaters beendet das Jubiläumswochenende mit ihren eigenen Arrangements und jener Mischung aus Spielfreude und musikalischem Eigensinn, die zu diesem Ort ziemlich gut passt.

Ein Wochenende für alte und neue Erinnerungen

Man muss nicht 2001 bei der Eröffnung dabei gewesen sein und auch nicht jede Premiere gesehen haben, um an diesem Wochenende Teil der Geschichte dieses Theaters zu werden. Wer erst seit wenigen Jahren in Northeim lebt, kann den Drachen genauso neu entdecken wie jemand, der noch weiß, wie das Gebäude aussah, bevor aus ihm ein Theater wurde.

25 Jahre sind lang genug, damit Kinder von damals inzwischen mit ihren eigenen Kindern vor demselben Drachen stehen können. Sie sind auch lang genug, um aus einer ungewöhnlichen Idee einen festen Bestandteil einer Stadt zu machen.

Am 12. und 13. September wird deshalb nicht nur in einem Theater Geburtstag gefeiert. Die Feier zieht hinaus zu den Schatzräubern, an die Stadtmauer und zur Regentrude, sie begegnet Musikern, Figuren, alten Wegbegleitern und Menschen, die das Haus vielleicht an diesem Wochenende zum ersten Mal betreten.

Und über all dem sitzt dieser Drache, der vor einem Vierteljahrhundert in Northeim gelandet ist und offenbar nie ernsthaft vorhatte, wieder fortzufliegen.

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