Wer an ein Konzert denkt, erinnert sich meist an den Moment, in dem das Saallicht erlischt und die ersten Töne erklingen. Der eigentliche Anfang liegt jedoch viele Stunden früher. Er beginnt mit einem Lastwagen, mit Kabeln, die sich über den Hallenboden ziehen, mit Menschen, die Pläne in der Hand halten und mit einem Team, das genau weiß, dass ein gelungener Abend lange vor dem Einlass entschieden wird. Genau das schauen wir uns genauer an.
Als am Morgen der Produktionstag in der Stadthalle Northeim beginnt, wirkt noch nichts nach einem Rockkonzert. Türen stehen offen, Rollcases werden über den Boden geschoben, Traversen liegen bereit und überall wird gemessen, abgestimmt und aufgebaut. Mittendrin: Jannick Dennecke, bei der NOM WMT für die Locations wie Waldbühne und Stadthalle zuständig und als Veranstaltungstechniker der Mann, der an diesem Tag im Mittelpunkt steht. Vor der Halle wartet ein 40-Tonnen-Lkw. Er bringt die Technik mit, die BAP auf ihrer Tour benötigt. Licht, Ton, Instrumente, Kabel, Bühnenelemente – verpackt in schweren Transportkisten, die nacheinander ihren Weg in die Stadthalle finden. „Das ist in dieser Größenordnung schon etwas besonderes“, sagt Denecke.
Was für Besucher später selbstverständlich aussieht, ist in Wirklichkeit ein präzise geplanter Ablauf. Jede Lampe hat ihren Platz. Jeder Lautsprecher seinen Winkel. Jedes Kabel seinen Weg. Viele der Handgriffe sitzen, weil sie seit Jahren eingespielt sind. Trotzdem gleicht kein Veranstaltungsort dem anderen. Jede Halle stellt neue Fragen. Passt die Technik? Wie verhält sich die Akustik? Wo muss nachjustiert werden? Genau deshalb testet BAP ihre neue Tour bewusst in kleineren Hallen. Northeim wurde zu einem Teil dieses Prozesses.
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40 Jahre auf BAP gewartet
Während die Produktion Stück für Stück Gestalt annimmt, laufen an anderer Stelle ganz andere Vorbereitungen. Das Team der Stadthalle stimmt letzte Abläufe ab, kontrolliert Fluchtwege, richtet den Einlass ein, koordiniert Dienstleister und sorgt dafür, dass später jeder Gast möglichst wenig von all den Arbeiten bemerkt. Vielleicht ist genau das die größte Kunst guter Veranstaltungsorganisation. Sie wird dann sichtbar, wenn sie unsichtbar bleibt.
Dass BAP überhaupt in Northeim auftritt, ist allerdings keine Entscheidung, die erst in den vergangenen Wochen gefallen ist. Hinter diesem Abend stehen Jahre beharrlicher Arbeit. Der Förderverein der Stadthalle verfolgt seit Langem das Ziel, Künstler von nationalem Rang nach Northeim zu holen. Immer wieder wurden Kontakte geknüpft, Anfragen gestellt und Gespräche geführt. Manchmal folgte eine Absage. Manchmal blieb eine Antwort aus. Trotzdem ging es weiter.
“Ich habe wahrscheinlich mehr Briefe und E-Mails geschrieben als BAP Lieder hat”, sagt Ilona Wilhelmsen vom Förderverein und lacht. Der Satz bringt viele zum Schmunzeln. Gleichzeitig erzählt er viel über Ehrenamt. Es lebt selten von spektakulären Momenten. Es lebt von Ausdauer. Von Menschen, die nach einer Absage nicht aufgeben und sich auch nach Jahren noch an dieselbe Idee erinnern. 40 Jahre hat sie auf dieses Konzert gewartet, auf diesen Moment. „Jetzt ist er da und ich freue mich“, sagt Wilhelmsen. „Darüber, dass es dem Förderverein gelungen ist. Und darüber, dass alle mithelfen und ihren Teil beitragen.“
Als die ersten Musiker am Nachmittag in der Stadthalle eintreffen, ist von dieser langen Geschichte nichts mehr zu sehen. Die Bühne steht. Die Technik ist eingerichtet. Instrumente werden gestimmt. Der Soundcheck beginnt. Einzelne Gitarrenriffs hallen durch den Saal. Schlagzeug und Bläser setzen ein. Die Lichttechnik fährt ihre Programme ab. Immer wieder wird gestoppt, verändert und erneut ausprobiert. Was später mühelos wirkt, entsteht aus zahllosen kleinen Korrekturen.
Gerade darin liegt die Besonderheit solcher Produktionen. Ein Konzert dieser Größenordnung reist nicht nur mit einer Band an. Es reist mit einem eingespielten System aus Technik, Produktion und Erfahrung. Dass dieses System in Northeim problemlos aufgebaut werden konnte, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist zugleich eine Bestätigung für die Stadthalle.
Was kann die Stadthalle?
Lange wurde darüber diskutiert, welche Möglichkeiten das Haus bietet und welche Veranstaltungen sich dort überhaupt umsetzen lassen. Der Abend mit BAP liefert darauf eine praktische Antwort. Die Halle verfügt über die technischen Voraussetzungen, sie bietet die nötige Infrastruktur und sie kann Produktionen aufnehmen, die deutlich größer sind, als viele Menschen ihr vielleicht zugetraut hätten.
Natürlich lebt ein Konzert nicht allein von Lautsprechern, Scheinwerfern oder einer Bühne. Es lebt von den Menschen, die einen Raum mit Leben füllen. Doch diese Atmosphäre entsteht nur, wenn im Hintergrund alles funktioniert. Wenn Stromversorgung, Licht, Ton, Logistik, Sicherheit und Organisation ineinandergreifen. Erst dann können sich Besucher ganz auf die Musik konzentrieren.
Als sich am Ende des Abends die Rollcases wieder schließen und nach und nach zurück in den 40-Tonnen-Lkw verschwinden, verschwindet auch die sichtbare Kulisse dieses besonderen Tages. Innerhalb weniger Stunden wird aus einer Konzerthalle wieder eine Stadthalle. Die Bühne ist leer, Kabel werden aufgewickelt und die letzten Scheinwerfer verladen.
Was bleibt, passt in keinen Transportkoffer.
Es bleibt die Erfahrung, dass Northeim Konzerte dieser Größenordnung nicht nur besuchen, sondern auch veranstalten kann. Es bleibt der Beweis, dass jahrelanges Engagement irgendwann eine Bühne bekommt. Und es bleibt die leise Hoffnung, dass dieser Abend nicht das Ende einer Geschichte gewesen ist, sondern vielleicht erst der Anfang einer neuen.



