Es schmeckt nach gekühltem Weißwein, nach Himbeere und Erdbeere, vielleicht nach Zitrus und Ananas und später am Abend auch nach einem kräftigen Rotwein. Doch wer Bernd Hahne fragt, wie das Northeimer Weinfest schmeckt, merkt schnell, dass die Antwort weit über das hinausgeht, was in einem Weinglas Platz findet.
Bernd Hahne sitzt in seiner Vinothek in Northeim und denkt einen kurzen Moment über die Frage nach, denn wie beschreibt man eigentlich den Geschmack eines Festes, das seit mehr als 20 Jahren Menschen in der Northeimer Innenstadt zusammenbringt? Einen Riesling kann man beschreiben, über seine Säure, seine Frucht und die Rebsorte sprechen, man kann einen Rosé ins Licht halten und versuchen, seine Farbe möglichst präzise in Worte zu fassen, doch ein Weinfest besteht aus sehr viel mehr als dem, was Winzer in Flaschen füllen. „Gute Frage“, sagt Hahne und lächelt. „Ich würde mal sagen: lecker. Aber auch nach Sommer. Nach Begegnung und Vielfalt.“
Das Northeimer Weinfest beginnt zwar auf der Zunge, doch sein eigentlicher Geschmack entsteht häufig erst dort, wo Menschen mit einem Glas in der Hand stehen bleiben, jemanden entdecken, den sie lange nicht gesehen haben, und aus einem kurzen Gruß ein Gespräch wird, das den eigenen Plan für den Abend langsam überflüssig macht.
Wenn ein Donnerstag plötzlich nach Sommer schmeckt
Am Donnerstag, 16. Juli, werden die ersten Gläser des Weinfestes 2026 gefüllt, und in diesem Jahr geschieht das einen Tag früher als gewohnt, denn erstmals beginnt die Veranstaltung bereits am Donnerstag um 17 Uhr und lädt direkt nach Feierabend zum neuen After-Work-Auftakt in die Innenstadt ein. Für Bernd Hahne passt dieser zusätzliche Abend gut zu dem, was Wein und ein Stadtfest gemeinsam können: Sie geben Menschen einen Anlass, das Tempo für einige Stunden zu verändern.
Wer aus dem Büro, aus der Werkstatt oder von einem langen Arbeitstag kommt, bringt diesen Tag zunächst mit auf das Fest. Die Gedanken laufen noch ein wenig schneller, das Handy steckt griffbereit in der Tasche und vielleicht wartet zu Hause längst eine Liste mit Dingen, die eigentlich noch erledigt werden müssten. Dann steht da ein kühles Glas, die Musik von Rico Bowen liegt über der Innenstadt und aus dem Vorsatz, nur kurz vorbeizuschauen, wird langsam die Entscheidung, noch ein wenig zu bleiben.
Hahne beschreibt diesen Moment sehr einfach: „Puh, einmal durchatmen, fallen lassen, was Erfrischendes trinken.“ Er spricht vom „Sprung ins Weinglas“, und je länger man darüber nachdenkt, desto besser passt dieses Bild zu einem Donnerstag im Juli, an dem der Arbeitstag noch in den Schultern sitzt und der Sommer trotzdem längst begonnen hat.
Der erste Wein muss an einem solchen Abend nicht kompliziert sein. Er darf leicht und kühl sein, nach Frucht schmecken und den Abend langsam öffnen. Hahne denkt an Rosé, an Himbeere und Erdbeere, an gekühlte Weißweine, in denen sich Zitrus oder Ananas finden können. Neu dabei ist in diesem Jahr auch ein Bellini Spritz aus Prosecco und weißem Pfirsich mit fünf Prozent Alkohol, der zu einer Entwicklung passt, die Hahne seit einiger Zeit beobachtet, denn leichtere Getränke werden stärker nachgefragt.
„Das ist einfach schon mal lecker zum Starten“, sagt er.
Dieses „zum Starten“ erzählt viel über das Weinfest, denn niemand muss beim ersten Glas wissen, wie der Abend endet. Man bestellt etwas, probiert, schaut über den Platz und beginnt vielleicht ein Gespräch. Der Wein steht dabei auf dem Tisch, wird in die Hand genommen und wieder abgestellt, während die Menschen über Arbeit, Urlaub, Northeim oder das Wetter sprechen und irgendwann feststellen, dass sie schon deutlich länger dort stehen als geplant.
Ein Fest verändert seinen Geschmack
Bernd Hahne kennt diese Abende seit mehr als zwei Jahrzehnten. Als Inhaber der Vinothek in Northeim gehörte er zu den Initiatoren des Weinfestes und hat erlebt, wie aus einer Idee eine Veranstaltung wurde, die heute fest zum Northeimer Sommer gehört. Er hat in dieser Zeit viele Weine ausgeschenkt, Trends kommen und gehen sehen und vermutlich häufiger die Frage beantwortet, welcher Wein denn „nicht ganz so trocken“ sei, als er zählen könnte.
Doch wenn Hahne über den Geschmack des Weinfestes spricht, erzählt er nicht nur von Rebsorten und Aromen, denn für ihn verändert sich der Geschmack eines solchen Festes mit den Menschen und mit der Uhrzeit. „Je später der Abend, kann man ja mal wechseln von dem leichten Weißen hin zum etwas kräftigen Rotwein. Da wird die Stimmung dann wieder anders.“
Tatsächlich entwickelt ein Weinfest über Stunden seinen eigenen Rhythmus. Am Nachmittag stehen gekühlte Flaschen im Mittelpunkt, die Gläser beschlagen leicht und die Weine schmecken frisch und fruchtig. Später sinkt die Sonne, die Luft verändert sich und Menschen, die am Nachmittag noch durch die Innenstadt gegangen sind, haben längst einen Platz gefunden. Die Gespräche werden länger, die Musik begleitet den Abend und vielleicht bestellt jemand jetzt einen Rotwein, den er drei Stunden zuvor noch nicht gewählt hätte.
So verändert sich nicht nur das Getränk im Glas. Der gesamte Abend bekommt einen anderen Geschmack.
Am Freitag wird DJ Timweyy diesen Übergang ins Wochenende begleiten, während der Samstag bereits um 13 Uhr beginnt und mit Live-Musik von Andrea Leinemann von 15 bis 18 Uhr langsam in den Abend führt, bevor DJ Rainer Schneidewind ab 18 Uhr übernimmt. Drei Tage, drei unterschiedliche Rhythmen und wahrscheinlich unzählige verschiedene Antworten auf die Frage, welcher Wein gerade zu diesem einen Moment passt.
Wenn ein Wein erst einmal Fragen stellt
Zu den neuen Weinen, die Bernd Hahne in diesem Jahr präsentiert, gehört einer mit dem Namen „Mehr Futter, mehr Meeresfrüchte“, und natürlich liegt die Frage nahe, ob ein solcher Wein tatsächlich nach Fisch schmeckt.
Nein.
Tut er nicht.
Hahne muss darüber lachen und erklärt, dass es sich um eine Cuvée aus drei Trauben handelt, die eine neue Geschmackskombination bietet und gut zum Essen passen kann. Genau solche Weine gehören für ihn zum Weinfest, weil sie neugierig machen und Gespräche beginnen, bevor der erste Schluck überhaupt genommen wurde.
Ein Name fällt auf, jemand bleibt stehen und fragt nach. Der Wein wird erklärt, die Flasche geöffnet und vielleicht probiert ein Mensch etwas, das er sich im Supermarkt nie aus dem Regal genommen hätte. Darin liegt eine besondere Qualität eines Weinfestes, denn zwischen Gast und Wein steht kein Bildschirm, keine Bewertung und kein Algorithmus, der behauptet, bereits zu wissen, was einem gefallen könnte. Da steht ein Mensch, der die Flasche kennt und erzählen kann, warum sie dort steht.
Natürlich darf man auf einem Weinfest trotzdem einfach bestellen, was einem schmeckt. Bernd Hahne macht aus Wein keine Zugangskontrolle und auch das Essen gehört für ihn selbstverständlich zum Geschmack dieser drei Tage. Ein Burger kann genauso dazugehören wie ein Flammkuchen, und wer möchte, kann sich mit der Frage beschäftigen, welcher Wein die beste Begleitung dazu ist. „Gerade mal, ob man jetzt einen Burger isst oder einen leckeren Flammkuchen, was man ja dann wieder kombinieren kann mit den Weinen, die man hat“, sagt Hahne.
Wer diese Kombination nicht analysieren möchte, darf trotzdem essen und trinken. Vielleicht sogar ein Bier. Auch alkoholfreie Getränke gehören zum Angebot, denn Hahne versteht das Weinfest als Fest für alle und nicht als Prüfung darüber, wie viel jemand über Wein weiß.
So kann das Weinfest für einen Menschen nach Riesling und Zitrus schmecken, für einen anderen nach Rosé und Erdbeere, für jemanden nach Flammkuchen und für ein Kind vielleicht einfach nach Eis. Der Name gibt dem Fest seine Richtung, aber er legt nicht fest, wie ein Mensch diese drei Tage erleben muss.
Ein bisschen Frieden im Glas
Zwischen den Flaschen, die Hahne in diesem Jahr mit zum Weinfest bringt, steht auch ein neuer Wein aus Franken. „Ein bisschen Frieden“ heißt die Cuvée, die in Kooperation mit dem Weingut Glaser entstanden ist und aus Nordheim an der Mainschleife kommt. Hinter dem Wein steht ein junges Winzerpaar, mit dem Hahne zusammenarbeitet, und erstmals wird die neue Cuvée beim Northeimer Weinfest präsentiert.
Der Name ist bewusst gewählt, denn pro verkaufter Flasche werden 50 Cent an eine Stiftung gespendet.
„Der ist wirklich so gemeint“, sagt Hahne.
Zwischen gekühltem Weißwein, Musik und sommerlicher Leichtigkeit wirkt dieser Name für einen Moment beinahe ungewöhnlich ernst, doch vielleicht gehört auch das zum Geschmack eines Festes, auf dem Menschen zusammensitzen und miteinander sprechen. Ein bisschen Frieden klingt angesichts der großen Fragen unserer Zeit nach einem kleinen Wunsch. Vielleicht ist er gerade deshalb so nachvollziehbar.
Ein Glas Wein verändert die Welt nicht. Das weiß auch Bernd Hahne.
Aber ein Wein kann einen Gedanken tragen, während Menschen an einem Tisch sitzen, miteinander reden und für einige Stunden erleben, wie wenig es manchmal braucht, um sich näherzukommen.
Der Wein steht auf dem Tisch und hört zu
Nach mehr als 20 Jahren Weinfest könnte Bernd Hahne vermutlich stundenlang über Weine sprechen, über Rebsorten, Jahrgänge und die Veränderungen im Geschmack der Gäste, doch im Gespräch kehrt er immer wieder zu den Menschen zurück, weil für ihn genau dort der Kern der Veranstaltung liegt. „Da ist der Wein vielleicht nicht immer im Mittelpunkt, aber ein toller Begleiter, der in der Runde mit dabei ist.“
Vielleicht schmeckt das Northeimer Weinfest deshalb nicht nach einem bestimmten Wein. Es schmeckt nach dem ersten kühlen Glas am Donnerstag, wenn der Arbeitstag langsam aus den Gedanken verschwindet, nach einem fruchtigen Rosé am Freitagnachmittag und nach einem kräftigeren Rotwein, wenn der Samstagabend längst begonnen hat. Es schmeckt nach weißem Pfirsich, nach Zitrus, Himbeere und Erdbeere, nach Burger, Flammkuchen und Eis, während an den Tischen geredet, gelacht und manchmal einfach nur für einen Moment geschwiegen wird.
Der Wein steht dabei mitten auf dem Tisch und hört gewissermaßen zu. Er begleitet Gespräche, wandert von der Flasche ins Glas und verschwindet irgendwann, während die Erinnerung an einen Abend noch bleibt.
Wenn vom 16. bis 18. Juli wieder Menschen durch die Northeimer Innenstadt gehen, werden sie deshalb vermutlich sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage finden, wie dieses Weinfest schmeckt. Bernd Hahne hatte seine Antwort schon nach wenigen Sekunden gefunden.
„Nach Sommer. Nach Begegnung und Vielfalt.“



