Es gibt Abende, die beginnen mit einem Konzert und enden mit einer Erkenntnis. Der Auftritt von BAP in der Stadthalle Northeim war genau so ein Abend. Natürlich ging es um Musik. Um Lieder, die viele Menschen seit Jahrzehnten begleiten. Um Wolfgang Niedecken und seine Band. Doch zwischen Gitarren, Geschichten und großem Applaus zeigte sich noch etwas anderes: Die Stadthalle beweist, dass sie große Konzertabende tragen kann. Und Northeim erlebte, wie sich eine lange verfolgte Idee schließlich erfüllt.
Als das Licht im Saal erlischt und Wolfgang Niedecken gemeinsam mit seiner Band die Bühne betritt, dauert es nur wenige Sekunden, bis sich die Atmosphäre vollständig verändert hat. Die Besucher sitzen nicht lange auf ihren Stühlen. Wer steht, steht jetzt noch mehr. Es wird mitgesungen, geklatscht und gelacht. Manche schließen die Augen, andere beobachten jede Bewegung auf der Bühne. Viele kennen die Texte auswendig. Für viele im Publikum erfüllt sich ein Wunsch, von dem sie vielleicht selbst nicht mehr sicher waren, ob er jemals Wirklichkeit werden würde: BAP in Northeim.
Dabei wirkt die Bühne fast überraschend klein für das, was sich auf ihr entfaltet. Neben Wolfgang Niedecken stehen acht Musikerinnen und Musiker. Gitarren, Keyboards, Bläser, Schlagzeug und Percussion fügen sich zu einem dichten Klang zusammen, der den gesamten Saal ausfüllt. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich diese große Besetzung ihren Platz auf der Bühne findet. Jeder Blick verrät die Erfahrung unzähliger gemeinsamer Konzerte. Niemand drängt sich in den Vordergrund. Die Musik übernimmt diese Aufgabe.
Fast drei Stunden spielt die Band ohne Unterbrechung. Dazwischen erzählt Niedecken immer wieder Geschichten. Er spricht über die Entstehung einzelner Songs, erinnert sich an Begegnungen aus den vergangenen Jahrzehnten und blickt auf Stationen einer Karriere zurück, die längst ein Stück deutscher Musikgeschichte geworden ist. Seine Erzählungen wirken nicht vorbereitet. Sie entstehen aus dem Moment heraus und geben den Liedern einen neuen Rahmen. Viele im Publikum hören aufmerksam zu. Die Musik erzählt die Geschichten des Abends. Und der Mann auf der Bühne erzählt, wie diese Geschichten entstanden sind.
Dass der Tourbus ausgerechnet in Northeim Halt macht, hat einen besonderen Hintergrund. BAP nutzt kleinere Veranstaltungsorte, um das neue Programm für das kommende Jahr unter realen Bedingungen zu testen, bevor die Tour später durch größere Hallen führt. Für Northeim war das eine seltene Gelegenheit, für die Stadthalle gleichzeitig eine Bewährungsprobe. Kann ein Haus dieser Größe ein Konzert einer Band tragen, die seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Rockgruppen Deutschlands gehört?
Die Antwort war an diesem Abend erstaunlich eindeutig.
Rund 800 Besucher füllten die Stadthalle. Wer jedoch nur auf diese Zahl schaut, hat das Entscheidende verpasst. Die Stimmung erinnerte über weite Strecken eher an eine große Arena. Fast wie die Waldbühne nur wenige Kilometer Entfernt, mit 8.000 Besuchern. Jeder Refrain wurde lautstark begleitet, jeder Applaus schien die Halle noch ein Stück größer werden zu lassen. Die Nähe zwischen Bühne und Publikum verlieh dem Abend eine Intensität, die große Konzerthallen oft nur schwer erreichen. Hier trennten nur wenige Meter die Musiker von ihren Zuhörern. Jeder Blick, jedes Lächeln und jede kleine Geste fanden unmittelbar ihren Weg durch den Saal.
Dass dieses Konzert überhaupt zustande kam, ist wiederum einer Beharrlichkeit zu verdanken, die fast schon sinnbildlich für ehrenamtliches Engagement steht. Seit vielen Jahren arbeitet der Förderverein der Stadthalle daran, BAP nach Northeim zu holen. Immer wieder wurden Anfragen gestellt, Briefe geschrieben und E-Mails verschickt. Immer wieder gab es neue Anläufe. Ilona Wilhelmsen beschreibt diesen langen Weg mit einem Satz, der den ganzen Abend auf sympathische Weise zusammenfasst: „Ich habe wahrscheinlich mehr Briefe und E-Mails geschrieben als BAP Lieder hat.“ Später läuft sie tanzend durch den Saal: „Jetzt sind sie da. Sie sind wirklich da!“
Während drinnen gespielt, gesungen und gefeiert wird, trägt draußen der Regen die Musik erstaunlich weit durch die Straßen rund um die Stadthalle. Selbst außerhalb des Gebäudes sind die Lieder noch deutlich zu hören. Hätte das Wetter mitgespielt, wäre dieser Abend vermutlich bis weit in die westliche Innenstadt hineingetragen worden. So blieb das Konzert denjenigen vorbehalten, die sich ihre Eintrittskarte gesichert hatten. Der Klang machte trotzdem keinen Halt an den Hallenwänden. Dieser Abend war auch ein Signal: Die Stadthalle hat bewiesen, dass sie technisch und atmosphärisch in der Lage ist, Künstler dieses Formats zu beherbergen. Vor allem aber hat sie gezeigt, dass Northeim ein Publikum besitzt, das solche Abende mitträgt und mit Leben füllt. Und ein professionelles Team im Hintergrund, dass diese Herausforderung annimmt.
Als sich nach dem letzten Lied langsam die Türen öffnen und die Besucher wieder hinaus in den Regen treten, nehmen sie weit mehr mit als drei Stunden Musik. Sie nehmen die Gewissheit mit, dass manche Ideen viele Jahre brauchen, bis sie Wirklichkeit werden. Und manchmal genügt dann ein einziger Abend, um zu zeigen, dass sich jede einzelne E-Mail gelohnt hat.







