Ein leises Knirschen liegt in der Luft, als sich am Samstagvormittag die ersten Schritte über den leicht gefrorenen Sand am Northeimer Freizeitsee schieben. Es riecht nach Kaffee, nach kalter Wintersonne und ein bisschen nach Abenteuer. Neben dem Steg steht ein Mann im knallroten Clownskostüm und zieht sich mit zittrigen Fingern die Badekappe über die Ohren. „Warum mache ich das eigentlich?“, fragt er lachend in die Runde. Neben ihm antwortet jemand trocken: „Weil’s Tradition ist.“ So beginnt das Neujahrsschwimmen der DLRG Northeim, Ausgabe Nummer sechs. Ein Ritual, das längst mehr ist als nur ein kühner Sprung ins Wasser. Es ist Treffpunkt, Mutprobe und Winterfest in einem. Und in diesem Jahr vor allem eins: ein „Karneval der Kostüme“.
Etwa 45 Menschen stehen schließlich am Ufer bereit. Teilnehmerrekord! Fast alle tragen bunte Verkleidungen: Piraten, Superhelden, Pinguine, Prinzessinnen. Mittendrin eine kleine Abordnung der Karnevalsfreunde Hollenstedt, die das Motto wörtlich genommen haben. Mit Pailletten, Spitzhut und breitem Grinsen trotzen sie Temperaturen, die eigentlich eher nach Heizdecke verlangen als nach Badehose. „Wenn schon frieren, dann mit Stil“, ruft einer von ihnen und bekommt zustimmendes Gelächter zurück.

Das Wetter spielt mit wie ein verlässlicher Komplize: klare, kalte Luft und ein Himmel so blau, als hätte ihn jemand frisch gestrichen. Auf dem Wasser treiben noch kleine Eisschollen. Überbleibsel der Frosttage der vergangenen Wochen. Sie glitzern unschuldig in der Sonne. Fast dekorativ. Bis man bedenkt, dass gleich Menschen hindurchschwimmen werden.
Entsprechend kalt ist das Wasser. Genau gesagt: sehr kalt. Wer seinen Fuß hineinhält, zieht ihn instinktiv wieder zurück. Doch Rückzieher gibt es heute nicht. Dafür sorgen auch die Rettungsschwimmer der DLRG-Ortsgruppe, die das Geschehen wachsam begleiten. Mit Neoprenanzügen, Rettungsbojen und professioneller Ruhe stehen sie bereit für den Fall der Fälle, der glücklicherweise nie eintritt.
Dann der Countdown. Drei, zwei, eins – ein gemeinsamer Schrei, und schon platscht es. Ein buntes Gewimmel aus Armen, Beinen und Kostümteilen stürzt sich ins Wasser. Ein Flamingo kämpft mit seinen Flügeln, ein als Biene verkleideter Frau prustet lachend auf, eine ältere Dame mit Narrenkappe schwimmt stoisch ihre Bahn. Generationen, vereint in einem Moment aus Überwindung und purem Spaß.

„Am schlimmsten sind die ersten drei Sekunden“, sagt später eine Teilnehmerin, eingewickelt in ein dickes Handtuch. „Danach fühlt man sich unbesiegbar.“ Ihre Wangen glühen heller als ihre Augen. Vom Ufer aus beobachten mehr als 200 Zuschauer das Spektakel. Auch das ist Rekord. Familien, Spaziergänger, Freunde. Sie alle stehen dicht gedrängt am See, klatschen, feuern an, machen Fotos. Manche schütteln ungläubig den Kopf. Andere melden sich fürs nächste Jahr schon mal innerlich an.
Für Wärme von innen ist gesorgt. An kleinen Ständen gibt es Tee, Kaffee, Bratwurst und Kuchen. Alles zu Preisen, die fast so freundlich sind wie die Stimmung. „Wir wollen hier kein Geld verdienen“, sagt Sven Guse von der Northeimer Ortsgruppe. „Und das wird auch so bleiben. Wir wollen eine schöne Zeit für alle“, verspricht er. Der Duft von Grillkohle mischt sich mit dem Gelächter der Kinder, die aufgeregt umherlaufen.
Überhaupt die Kinder: Für sie ist heute besonders viel geboten. Die DLRG zeigt Fahrzeuge und Ausrüstung, erklärt geduldig, wie Rettung im Ernstfall funktioniert. Und wer möchte, darf gegen eine kleine Spende im Rettungsboot über den See mitfahren. Ein paar Minuten Kapitän spielen, auch das gehört zu diesem Wintertag.
Organisiert wird das Ganze vorrangig von der Jugend der DLRG Northeim. Wie auch beim Stadtlauf prägen sie das Bild der Helfer in Northeim am Rande seit einigen Jahren und beweisen, welche tolle Arbeit sie leisten. Wochenlang haben sie geplant, aufgebaut, eingekauft. Ein Kraftakt, der sich lohnt. „Wir wollten etwas schaffen, das Menschen zusammenbringt“, sagt Guse. „Ich glaube, das ist uns gelungen.“
Während am Nachmittag langsam Ruhe einkehrt und die letzten Kostüme wieder in warmen Jacken verschwinden, treiben die kleinen Eisschollen noch immer auf dem See. Ein stilles Symbol für diesen Tag: kalt von außen, warm von innen. Eine Siegerehrung für das tollste Kostüm rundet den Tag ab. Als größte Gruppe wurde die TGN ausgezeichnet. Olaf der Schneemann bekam die drittmeisten Stimmen für das schönste Kostüm, der Weihnachtsmann errang den zweiten Platz. Das schönste Kostüm – vom Publikum gewählt – hatte eine Kopie von Pamela (Anderson). Alle mutigen Teilnehmenden bekamen eine Urkunde.
Was bleibt vom Neujahrsschwimmen 2025? Vielleicht die Erkenntnis, dass Mut manchmal bunt geschminkt ist. Dass Gemeinschaft auch bei Minusgraden funktioniert. Und dass ein Sprung ins Ungewisse – egal wie frostig – am Ende oft mit einem Lächeln belohnt wird. Im nächsten Jahr, da sind sich viele sicher, wird es wieder heißen: Drei, zwei, eins – rein ins Wasser. Und Northeim wird wieder am Ufer stehen, mit heißen Getränken in der Hand und einem warmen Gefühl im Herzen.



