Drei Tage lang wurde der Northeimer Münsterplatz zu einem Ort für Wein, Musik und Begegnungen, an dem sich der Sommer auf eine besondere Weise erleben ließ. Denn wer das Weinfest nur über Besucherzahlen, Rebsorten und Öffnungszeiten erzählen möchte, lässt einen wesentlichen Teil seiner Geschichte aus: Dieses Fest erschließt sich über die Sinne.
Es riecht nach Sommer
Wer an diesem Wochenende über den Münsterplatz ging, riecht die warme Luft eines Julitages, eine Spur gemähte Wiese und das Parfüm der Menschen, die an diesem Abend nicht einfach irgendwohin unterwegs sind, sondern ausgegangen sind, um Freunde zu treffen, gemeinsam Wein zu trinken und ein paar Stunden draußen zu verbringen. Dazwischen zieht der Duft von frischem Flammkuchen über den Platz, von Brot, Zwiebeln und heißem Teig, der sich mit allem anderen zu jenem schwer zu beschreibenden Geruch eines Sommerabends verbindet, an dem die eigene Wohnung für ein paar Stunden weniger interessant erscheint als die Stadt vor der Haustür.
Menschen stehen zusammen, rücken ihre Stühle näher aneinander, begrüßen Bekannte und entdecken Gesichter, die sie lange nicht gesehen haben. Aus einem kurzen „Hallo“ wird ein Gespräch, aus dem Gespräch vielleicht ein zweites Glas Wein, und irgendwann stellt man fest, dass eine Stunde vergangen ist, obwohl es sich überhaupt nicht danach angefühlt hat.
Es klingt nach tausend Stimmen
Während der Abend langsam voranschreitet, verändert sich der Münsterplatz und mit ihm seine Geräuschkulisse. Die Musik ist mal leise genug, um sich am Tisch weiter unterhalten zu können, dann wieder laut genug, um Menschen von ihren Plätzen zu holen. Stimmen liegen übereinander, irgendwo wird ein Name über den Platz gerufen, zwei Menschen lachen so laut, dass die Nachbartische kurz hinüberschauen, und ein paar Meter weiter fallen sich Freunde zur Begrüßung in die Arme.
Dann fällt irgendwo ein Glas zu Boden.
Für einen kurzen Moment ist dieses helle Klirren deutlicher zu hören als alles andere, bevor es in den Stimmen der Menschen verschwindet, die weiter erzählen, was ihnen an diesem Tag passiert ist, wen sie getroffen haben und was sie noch vorhaben. Hunderte Gespräche werden gleichzeitig geführt und ergeben gemeinsam einen Klang, den es wohl nur dort gibt, wo viele Menschen freiwillig ihre Zeit miteinander verbringen.
Auf dem Münsterplatz funktioniert das an diesem Wochenende. Wer jemanden trifft, bleibt stehen, wer sich lange nicht gesehen hat, umarmt sich, und wer gemeinsam am Tisch sitzt, muss nirgendwo klicken, um zu zeigen, dass ihm dieser Abend gefällt. Man kann es sehen und hören, während sich der Platz langsam füllt und aus vielen einzelnen Gesprächen dieses beständige Stimmengewirr entsteht, das irgendwann selbst zur Musik des Weinfestes gehört.
Es schmeckt nach Frucht und Brot
Und natürlich ist da der Wein, der in hellen Weißweingläsern im Abendlicht leuchtet, als Rosé auf den Tischen steht und Geschichten von Trauben, Böden und Regionen mit nach Northeim bringt. Bernd Hahne, Inhaber der Northeimer Vinothek und einer der Menschen, die das Weinfest vor mehr als 20 Jahren auf den Weg gebracht haben, hatte im Vorfeld versucht, diesen Geschmack in Worte zu fassen. Das Weinfest schmecke nach Frucht und nach Brot, nach Sommer und nach Begegnung.
An diesem Wochenende lässt sich verstehen, was er damit gemeint hat, denn der Wein steht hier kaum für sich allein. Er gehört zu den Gesprächen, zu den gemeinsamen Abenden und zu jenem Moment, in dem jemand eine Flasche bestellt und selbstverständlich auch für die anderen am Tisch einschenkt. Sein Geschmack verbindet sich mit dem Flammkuchen, mit frischem Brot und mit der warmen Luft, die noch lange über dem Münsterplatz liegt.
Ein Weinfest schmeckt deshalb am Ende weniger nach dem, was allein im Glas ist, und viel mehr nach dem Menschen, mit dem man anstößt. Nach der Umarmung eines Freundes, den man lange nicht gesehen hat, nach dem Brot, das man miteinander teilt, und nach einem Sommerabend, von dem man noch nicht weiß, wie lange er dauern wird. Und vielleicht schmeckt es manchmal auch nach einem Kuss.
Es fühlt sich an wie eine Umarmung mit dem Sommer
Noch steht die Sonne über den Häusern und fällt zwischen den Fassaden auf den Münsterplatz. Wer direkt im Licht sitzt, kneift die Augen zusammen, auf der Stirn sammeln sich erste Schweißtropfen und die Gläser werden von außen feucht. Dann kommt ein Windstoß, nur für einen kurzen Moment, streicht über die Haut, bewegt Kleider und Hemden und trägt etwas kühlere Luft zwischen die dicht besetzten Tische.
Es ist eine dieser kleinen körperlichen Erfahrungen, die man in diesem Moment kaum bewusst wahrnimmt und an die man sich später vielleicht trotzdem erinnert. Denn so fühlt sich dieser Abend an: nach Sonne in den Augen und Wärme auf der Haut, nach einem kühlen Glas in der Hand, nach Füßen, die irgendwann vom langen Stehen müde werden, und nach einer Umarmung zur Begrüßung, auf die einige Stunden später eine weitere zum Abschied folgt.
Das Northeimer Weinfest ist über die Jahre gewachsen und längst zu einem festen Termin im Veranstaltungskalender der Stadt geworden, doch seine eigentliche Größe lässt sich nur schwer in Zahlen ausdrücken. Sie entsteht zwischen den Tischen, dort, wo Menschen zusammensitzen, noch einen Stuhl heranziehen und ein wenig enger zusammenrücken, damit jemand dazukommen kann. Dort, wo aus einer zufälligen Begegnung ein langer Abend wird und ein zerbrochenes Glas für einen Augenblick die Aufmerksamkeit auf sich zieht, bevor weitergeredet, weitergelacht und weiter eingeschenkt wird.
Irgendwann wird es später auf dem Münsterplatz. Die Sonne verschwindet hinter den Häusern, die Luft wird angenehmer und noch immer stehen Gläser auf den Tischen, ziehen Stimmen über den Platz und wird irgendwo gelacht. Der Sommerwind ist inzwischen etwas kühler geworden, doch dieses Gefühl bleibt noch eine Weile.



