Wer regelmäßig durch Northeim fährt, kennt Schwarzer vermutlich längst, zumindest von außen. Elektromotoren, große technische Bauteile und ein gewaltiger Propeller vor dem Gebäude gehören seit Jahren zum vertrauten Bild an der Straße. Was hinter den Türen passiert, wissen dagegen wahrscheinlich deutlich weniger Menschen. Dabei beginnt dort eine Geschichte, die 1956 in einem kleinen Hinterhof ihren Anfang nahm und heute von drei Generationen, einem selten gewordenen Handwerk und einer Arbeit erzählt, ohne die an vielen anderen Orten irgendwann die Maschinen stillstehen würden. Und dem Wissen: Der Propeller ist gar keiner. Zur Freude der NOM WMT, die nun zu einem Besuch vor Ort war.
Der große Propeller, der keiner ist
Man könnte diese Geschichte mit Zahlen beginnen, mit rund 25 Beschäftigten, 70 Jahren Unternehmensgeschichte oder einem Kundenkreis, der weit über Northeim hinausreicht. Doch eigentlich beginnt sie besser draußen vor dem Gebäude, bei diesem großen Metallteil, das ein wenig aussieht, als hätte jemand einen Schiffspropeller im Vorgarten abgestellt. Wer an der Bundesstraße zwischen Schnellrestaurant und Autohäusern häufiger vorbeigefahren ist, hat es vielleicht schon gesehen und sich seinen Teil gedacht. Im Gespräch mit den heutigen Geschäftsführern stellt sich allerdings heraus, das mit einem Schiff überhaupt nichts zu tun hat, was dort vor dem Unternehmen steht. Es ist ein Rührwerk für eine Biogasanlage, das dort eine ziemlich bodenständige Aufgabe übernimmt: Es hält die Biomasse in Bewegung und verhindert, dass sie sich festsetzt.
Diese kleine Verwechslung passt erstaunlich gut zu Schwarzer, denn man sieht das Unternehmen seit Jahrzehnten, kennt seinen Namen und hat durch die großen Motoren vor dem Gebäude sogar eine ungefähre Vorstellung davon, womit dort gearbeitet wird. Trotzdem bleibt vieles im Vorbeifahren unsichtbar. Schwarzer beschäftigt sich mit Elektromotoren, allerdings nicht mit jenen, die inzwischen Autos antreiben und bei denen der Begriff Elektromobilität sofort eine Vorstellung hervorruft. Hier geht es um industrielle Antriebstechnik, um Motoren, die Pumpen antreiben, Flüssigkeiten bewegen, Gase verdichten, Lüftungsanlagen versorgen oder große Rührwerke in Bewegung halten. Solange diese Technik funktioniert, denkt kaum jemand über sie nach. Wenn sie ausfällt und dadurch im schlimmsten Fall eine ganze Produktionsanlage zum Stillstand kommt, verändert sich ihre Bedeutung innerhalb weniger Sekunden. Dann muss jemand wissen, wie man sie wieder zum Laufen bringt.
Von der Bahnhofstraße bis zum heutigen Standort
Diese Arbeit begann bei Schwarzer lange bevor Begriffe wie Automatisierung, Kreislaufwirtschaft oder Fachkräftemangel die wirtschaftlichen Debatten bestimmten. Der Großvater der heutigen Geschäftsführer machte 1952 seinen Meisterbrief im Elektro-Maschinenbauerhandwerk und später einen weiteren Meister als Elektroinstallateur. Es waren die frühen Nachkriegsjahre, in denen keineswegs feststand, welche technischen Entwicklungen die kommenden Jahrzehnte bestimmen würden. Zwei Meistertitel waren deshalb auch Ausdruck einer Zeit, in der berufliche Sicherheit daraus entstehen konnte, mehrere Dinge zu können.
1956 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und begann an der Bahnhofstraße in Räumen, die mit dem heutigen Betrieb wenig gemeinsam hatten. Es war eher ein Hinterhofbetrieb, aus dem sich über die Jahre ein wachsendes Unternehmen entwickelte. Später folgte der Umzug an den Friedrich-Ebert-Wall, Anfang der 1980er-Jahre schließlich an den heutigen Standort. Dort wiederholte sich in den folgenden Jahrzehnten ein Muster, das wahrscheinlich viele Familienunternehmen kennen: Irgendwann wurde der Platz zu klein, also wurde erweitert. Eine Halle kam hinzu, Flächen wurden verändert, neue Anforderungen verlangten neue Räume und zwischen 2018 und 2020 folgte noch einmal eine größere Baumaßnahme.
Wer heute auf das Gelände blickt, sieht deshalb nicht nur einen Unternehmensstandort, sondern gewissermaßen eine gebaute Chronik. Jede Erweiterung erzählt davon, dass die vorhandenen Räume irgendwann nicht mehr ausreichten und jemand darauf vertraute, dass es auch in Zukunft genug Arbeit geben würde, um den zusätzlichen Platz zu benötigen.
Gleichzeitig wechselte die Verantwortung innerhalb der Familie. Der Sohn des Gründers führte den Betrieb weiter, später rückte die dritte Generation nach. Bis 2021 waren die Eltern der heutigen Geschäftsführer noch im Unternehmen tätig, sodass der Übergang über mehrere Jahre stattfinden konnte. Gerade bei Familienunternehmen ist das bemerkenswert, denn eine Nachfolge betrifft nicht allein Geschäftsanteile und Zuständigkeiten. Sie berührt Lebenswerke, Erwartungen und die Frage, wie viel von dem erhalten bleibt, was eine vorherige Generation aufgebaut hat.
Bei Schwarzer scheint dieser Übergang über drei Generationen gelungen zu sein. Besonders anschaulich wird das in der Erinnerung an den Großvater, der das Unternehmen längst nicht mehr führte und trotzdem wissen wollte, was dort geschah. Als zwischen 2018 und 2020 erneut gebaut wurde, war dieser bereits über 90 Jahre alt und kam regelmäßig vorbei, um sich anzusehen, wie sich sein ehemaliger Betrieb weiterentwickelte. Er wollte wissen, welche Projekte liefen, was gebaut wurde und was die nächste Generation aus dem Unternehmen machte, das Jahrzehnte zuvor in wesentlich bescheideneren Verhältnissen begonnen hatte.
Erst Corona unterbrach diese Besuche abrupt. Gerade ältere Menschen mussten geschützt werden, persönliche Kontakte wurden eingeschränkt und für einen Mann, dessen Lebenswerk sich über Jahrzehnte beinahe selbstverständlich mit seinem Alltag verbunden hatte, bedeutete das plötzlich Distanz. Vielleicht erzählt diese Erinnerung mehr über einen Familienbetrieb als die nüchterne Feststellung, dass Schwarzer inzwischen in dritter Generation geführt wird.
Ein selten gewordenes Handwerk
Heute teilen sich die beiden Geschäftsführer Thomas und Christian Schwarzer die Verantwortung. Christian ist Elektromaschinenbauermeister und übernimmt vor allem die technische Perspektive, sein Bruder Thomas ist Betriebswirt. Geplant hätten die Eltern diese Aufteilung nicht, erzählen beide. Sie habe sich entwickelt und passt heute zu einem Unternehmen, das mit rund 25 Beschäftigten eine Größe erreicht hat, bei der Technik, Personal, Kundenbetreuung und kaufmännische Steuerung kaum noch von einer einzelnen Person abgedeckt werden können.
Gleichzeitig gehört der Betrieb einer Branche an, die wesentlich kleiner ist, als man zunächst vermuten könnte. Nach Angaben der Geschäftsführer werden deutschlandweit rund 47.000 Unternehmen dem Elektrohandwerk zugerechnet, während es nur ungefähr 800 Elektromaschinenbaubetriebe gibt. Früher waren solche Werkstätten verbreiteter, auch in Northeim gab es mehrere davon.
Das bringt Vorteile mit sich, weil der unmittelbare Wettbewerb gering ist und der Umgang innerhalb der Branche entsprechend kollegial ausfällt, betonen die beiden Brüder. Unternehmen kennen sich, tauschen Erfahrungen aus und helfen einander bei technischen Fragen. Gleichzeitig entsteht aus der geringen Zahl ein Problem, das sich nicht mit guter Auftragslage lösen lässt: Wer soll diese Arbeit in Zukunft machen?
Schwarzer bildet selbst Elektroniker für Maschinen und Antriebstechnik aus, ungefähr einen pro Jahr. Für die Größe des Unternehmens reicht das grundsätzlich aus. Schwieriger wird es, wenn man die gesamte Region betrachtet, denn wo nur wenige Betriebe einen Beruf ausbilden, entstehen zwangsläufig auch nur wenige Fachkräfte. Verlässt ein Mitarbeiter das Unternehmen, wartet auf dem Arbeitsmarkt nicht automatisch ein ausgebildeter Elektromaschinenbauer auf eine neue Stelle in Northeim. Quereinsteiger werden deshalb wichtiger, benötigen allerdings Zeit und Weiterbildung, um sich das spezialisierte Wissen anzueignen.
So landet ein Handwerk, das auf den ersten Blick nach einer traditionellen Nische klingt, mitten in einer der zentralen wirtschaftlichen Fragen unserer Zeit. Es wird viel über neue Technologien gesprochen und darüber, welche Maschinen künftig unsere Arbeit übernehmen können. Weniger häufig kommt aber die Frage auf, wer diese Maschinen wartet, repariert und dafür sorgt, dass sie auch nach vielen Jahren noch funktionieren.
Wenn eine Maschine steht, wird Entfernung plötzlich wichtig
Rund 70 Prozent des Umsatzes erzielt Schwarzer mit Reparaturen, etwa 30 Prozent entfallen auf Handelsware und Ersatzbeschaffung. Die meisten Kunden sind Industrieunternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Automobilzulieferer gehören dazu, Unternehmen aus der Lebensmittelproduktion und Rohstoffverarbeitung ebenso, auch die Universität Göttingen zählt beispielsweise mit technischen Anlagen zum Kundenkreis.
Der Schwerpunkt liegt in einem Gebiet, das sich grob zwischen Hannover und Kassel beschreiben lässt. Diese regionale Nähe ist kein Zufall, denn bei einer Reparatur entscheidet häufig die Zeit. Wenn in einem Industriebetrieb ein wichtiger Elektromotor ausfällt und dadurch eine Produktionsanlage stillsteht, wird jeder zusätzliche Transportweg zum Problem. Ein Motor muss ausgebaut, nach Northeim gebracht, geprüft und repariert werden, bevor er wieder zurück in die Anlage kann.
Zwei zusätzliche Tage auf der Straße können in einem solchen Fall zwei zusätzliche Tage Produktionsausfall bedeuten. Wie unmittelbar diese Arbeit mit anderen Wirtschaftsbereichen verbunden ist, zeigte ausgerechnet der erste Corona-Lockdown. Während Teile der Automobilindustrie ihre Produktion innerhalb kürzester Zeit herunterfuhren, konnten andere Branchen kaum schnell genug produzieren. Hygieneartikel gehörten bekanntlich dazu. Bei einem Kunden, der auch solche Produkte herstellt, fiel ausgerechnet in dieser Zeit eine wichtige Maschine aus.
Bei Schwarzer wurde deshalb nachts gearbeitet. Mehrere Mitarbeiter reparierten den Motor, einer der Geschäftsführer brachte ihn anschließend selbst zurück, damit die Produktion möglichst schnell wieder anlaufen konnte. Der Kunde bedankte sich später auf eine Weise, die außerhalb des Frühjahrs 2020 vermutlich ziemlich kurios gewirkt hätte: Großzügig wurde Toilettenpapier überlassen und unter den Beschäftigten von Schwarzer verteilt.
Heute lässt sich darüber lachen. Damals waren die Regale teilweise leer und eine Packung Toilettenpapier hatte plötzlich einen Stellenwert, den sich wenige Wochen zuvor niemand hätte vorstellen können. Gleichzeitig erzählt die Geschichte davon, wie eng industrielle Prozesse miteinander verbunden sind. Ein vergleichsweise unscheinbarer Motor kann darüber entscheiden, ob eine Maschine läuft, eine Produktionslinie arbeitet und am Ende ein Produkt im Regal landet.
Ein altes Handwerk mit einer ziemlich modernen Idee
Gerade an dieser Stelle bekommt das Geschäftsmodell noch eine andere Bedeutung, denn Schwarzer beschäftigt sich im Kern mit einer Tätigkeit, über die heute unter völlig neuen Begriffen diskutiert wird: Vorhandene Technik möglichst lange nutzen, Rohstoffe erhalten und Produkte reparieren, bevor sie ersetzt werden.
Ein industrieller Elektromotor wird nicht automatisch entsorgt, sobald er einen Defekt hat. Er wird geöffnet, geprüft und instandgesetzt, wenn dies technisch und wirtschaftlich möglich ist. Dadurch bleiben Materialien länger im Einsatz und ein vollständiges neues Aggregat muss nicht hergestellt werden. Viele Bestandteile bestehen zudem aus Metallen, die sich später wiederverwerten lassen.
Eigentlich betreibt der Elektromaschinenbau damit seit Jahrzehnten Kreislaufwirtschaft, ohne diesen Begriff besonders offensiv verwendet zu haben. Die Geschäftsführer räumen selbst ein, dass ihre Branche diesen Aspekt ihrer Arbeit bislang eher zurückhaltend kommuniziert hat. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum die Leistung eines solchen Unternehmens leicht übersehen wird: Eine Reparatur bringt kein spektakuläres neues Produkt hervor. Ihr Erfolg besteht darin, dass etwas Vorhandenes anschließend wieder funktioniert und gewohnte Leistung bringt.
Wie sehr sich unsere wirtschaftlichen Maßstäbe verändert haben, zeigt sich bei kleineren Geräten. Schwarzer war über viele Jahre Vertragswerkstatt für hochwertige Elektrowerkzeuge. Inzwischen lohnt sich selbst dort eine Reparatur häufig nicht mehr, weil Arbeitszeit und Ersatzteile im Verhältnis zum Preis eines neuen Gerätes zu teuer geworden sind. Technisch ließe sich mancher Akkuschrauber so noch retten, wirtschaftlich fällt die Entscheidung trotzdem für den Neukauf.
Bei großen industriellen Anlagen sieht diese Rechnung oft anders aus. Dort ist die Reparatur weiterhin ein wesentlicher Teil des Geschäfts, und sie entwickelt sich teilweise sogar entgegengesetzt zur allgemeinen Konjunktur. Wenn Unternehmen gute Geschäfte machen und investieren, werden ältere Aggregate eher durch neue ersetzt. Werden die wirtschaftlichen Zeiten schwieriger, wird genauer gerechnet und häufiger gefragt, ob ein vorhandener Motor noch einmal repariert werden kann.
Schwarzer profitiert dabei davon, nicht von einer einzigen Branche abhängig zu sein. Die aktuelle Schwäche der Automobilindustrie wird aufmerksam beobachtet, doch daneben gibt es Kunden aus vielen anderen Bereichen. Diese Mischung hat das Unternehmen bereits durch unterschiedliche wirtschaftliche Phasen getragen.
Die nächste Erweiterung ist noch eine Frage der Zukunft
Am Ende führt das Gespräch während des Unternehmensbesuchs der NOM WMT wieder zurück zum Standort und damit zu jener Straße, an der viele Northeimer das Unternehmen überhaupt wahrnehmen. Wer auf das Grundstück blickt, sieht neben den Hallen noch größere Rasenflächen. Nach der Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte könnte irgendwann die Frage entstehen, ob auch dort noch einmal gebaut werden kann.
Aktuell besteht dieser Bedarf nicht. Die Geschichte des Unternehmens zeigt allerdings, dass Flächenfragen selten erst dann interessant werden, wenn eine neue Halle unmittelbar geplant wird. Der Standort liegt an einer Bundesstraße, wodurch bestimmte Abstände für eine Bebauung eingehalten werden müssen. Für die Geschäftsführer stellt sich deshalb langfristig die Frage, wie sich die Einstufung dieser Straße entwickeln wird und ob sich daraus irgendwann zusätzliche Möglichkeiten für den eigenen Standort ergeben könnten.
Genau solche Fragen gehören zu den Gründen, warum die NOM WMT Unternehmen in Northeim besucht. Es geht dabei nicht allein darum, einen Betrieb kennenzulernen und anschließend darüber zu berichten. Die Wirtschaftsförderung möchte verstehen, welche Themen die Unternehmen beschäftigen, wo Hindernisse entstehen und welche Entwicklungen heute berücksichtigt werden müssen, damit ein Betrieb vielleicht in zehn Jahren noch am gleichen Standort wachsen kann.
Nach einem solchen Besuch verändert sich das Gebäude an der Straße natürlich nicht. Die Motoren stehen noch dort, die Hallen sehen aus wie zuvor und auch das große Rührwerk wird für manchen Vorbeifahrenden weiterhin wie ein Schiffspropeller aussehen. Verändert hat sich nur der Blick darauf, weil hinter dem vertrauten Firmenschild plötzlich Menschen, drei Generationen Familiengeschichte, Nachtschichten, seltene Fachkenntnisse und Maschinen sichtbar werden, die irgendwo zwischen Hannover und Kassel dringend darauf warten, wieder zu laufen.
Dieser Text wurde durch KI optimiert.







