Am Sonntag, 20. September, bringt der erste Landvolk-Bauernmarkt regionale Landwirtschaft mitten auf den Northeimer Marktplatz. Wir haben mit drei teilnehmenden Betrieben darüber gesprochen, was hinter Eiern, Kartoffeln, Senf, Gemüse, Tierhaltung und einem Beruf steckt, dessen Ergebnisse täglich gebraucht werden, während seine Arbeit oft außerhalb des Blickfelds bleibt.

Ein Sonntag mit kurzen Wegen

Am Sonntagmorgen, kurz vor elf Uhr, erhält der Marktplatz in Northeim ein ungewohntes Bild. Zwischen modernen und historischen Landmaschinen werden Menschen stehen, die sonst auf Feldern, in Ställen, Hofläden und Lebensmittelmanufakturen arbeiten. Der Angersteiner Bauernhof bringt beispielsweise Alpakas mit. Eines der Tiere dürfte die städtische Betriebsamkeit mit jener Ruhe betrachten, die Menschen gern für sich beanspruchen und im entscheidenden Augenblick erstaunlich zuverlässig verlieren. Wenige Gehminuten entfernt läuft auf dem Münsterplatz der Klostermarkt weiter. Dort erinnern Handwerk, Lagerleben und alte Technik an vergangene Jahrhunderte. Auf dem Marktplatz geht es um die Landwirtschaft der Gegenwart und um die Frage, welche Zukunft sie in der Region haben kann.

Die NOM WMT veranstaltet den neuen Markt gemeinsam mit dem Landvolk Northeim-Osterode. Von 11 bis 18 Uhr präsentieren Betriebe ihre Produkte, ihre Tiere und ihre Arbeit. Die Breite Straße verbindet beide Märkte. Dieser kurze Weg passt zu einem Tag, der Entfernungen sichtbar machen soll. Im Alltag liegen zwischen einem Acker und dem eigenen Küchentisch zahlreiche Stationen. Verarbeitung, Handel, Verpackung und Transport halten die Versorgung am Laufen. Sie verdecken zugleich leicht, wer am Anfang dieser Kette steht. Auf dem Bauernmarkt schrumpft diese Entfernung auf ein Gespräch zusammen: Man kann etwas kaufen. Man kann auch fragen, wie es entstanden ist, wie viel Arbeit darin steckt und welche Entscheidungen ein Hof treffen muss, bevor ein Lebensmittel im Regal liegt.

Der Markt stellt damit eine vertraute Branche in einen ungewohnten Zusammenhang. Landwirtschaft prägt den Landkreis Northeim seit Generationen. Sie verändert sich durch neue Technik, ökologische Anforderungen, wirtschaftlichen Druck und den Wunsch vieler Kundinnen und Kunden nach nachvollziehbarer Herkunft. Historische Maschinen erzählen von körperlicher Arbeit und technischem Erfindungsgeist. Moderne Maschinen zeigen, wie präzise und kapitalintensiv der Beruf geworden ist. Dazwischen stehen die Landwirtinnen und Landwirte selbst. Sie machen deutlich, dass Fortschritt auf einem Hof selten als großer Augenblick erscheint. Meist kommt er als nächste Aufgabe am Morgen.

Angersteiner Bauernhof zwischen 600 Feldern und ruhigen Tieren

Beim Angersteiner Bauernhof beginnt die Geschichte mit einer Zahl, die sich erst einmal setzen muss. Rund 1.600 Hektar bewirtschaftet die Plesseland Agrar. Diese Fläche verteilt sich auf mehr als 600 einzelne Felder. Jedes hat seinen Boden, seine Lage und seinen Zustand. Die Arbeit reicht von Bodenbearbeitung und Aussaat über Pflege und Düngung bis zu Ernte und Transport. Dazu kommen Dokumentation, Planung und Betriebsführung. Ein großer Traktor zieht auf einem Markt schnell die Blicke an. Ein sauber geführter Nachweis schafft das seltener. Für einen modernen Betrieb gehört beides zum selben Arbeitstag.

Der Ackerbau bildet die große, weit gespannte Seite des Betriebs. Auf ihr entstehen Lebensmittel in Flächen, Zeiträumen und Arbeitsabläufen, die vom einzelnen Einkauf weit entfernt wirken können. Der Hofladen holt diese Arbeit wieder in eine überschaubare Nähe. Dort werden eigene Eier, Kartoffeln und Spezialitäten von Strohschweinen angeboten. Weitere Produkte aus der Region ergänzen das Sortiment. Der Weg vom Boden zum Tisch erhält damit einen Ort und ein Gegenüber. Kundinnen und Kunden sehen, woher ein Teil ihres Einkaufs stammt. Der Betrieb erfährt unmittelbar, was die Menschen schätzen.

Dann sind da die Alpakas von myAlpakas. Ihre Aufzucht und Betreuung bilden einen eigenen Betriebszweig, doch auf dem Hof erfüllen die Tiere noch eine weitere Aufgabe. Sie schaffen Nähe. Kinder und Familien, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung können ihnen begegnen. Der Hof versucht, diese Erlebnisse an unterschiedliche Voraussetzungen anzupassen. Landwirtschaft wird hier erklärt, gesehen und gerochen. In einem vorsichtigen Kontakt mit einem Tier wird sie unmittelbar erfahrbar. Das klingt sanft und verlangt im Alltag viel Geduld, Verantwortung und genaue Aufmerksamkeit.

Gerade diese Verbindung macht den Angersteiner Bauernhof besonders. Auf der einen Seite stehen 600 Felder, große Maschinen und eine Betriebsorganisation, die keinen Raum für romantische Ungenauigkeit lässt. Auf der anderen Seite steht ein Tier, das einen Menschen für einen Moment zur Ruhe bringen kann. Im Hofladen treffen beide Seiten wieder zusammen. Der Stolz des Betriebs gilt den Erzeugnissen und dem Hof als Ort der Begegnung. Wenn ein Kind nach einem Besuch anders über Tiere, Kartoffeln oder ein Frühstücksei denkt, hat Landwirtschaft etwas erreicht, das sich in Hektar nicht messen lässt.

Biohof Arnemann und der eigene Weg in fünfter Generation

In Großenrode trägt der Biohof Arnemann seine Geschichte seit 1902 weiter. Johanna Arnemann übernahm den Betrieb vor drei Jahren von ihrem Vater und führt ihn in fünfter Generation. Eine Hofübergabe besteht auf dem Papier aus Verträgen, Flächen, Gebäuden und Verantwortung. Im wirklichen Leben kommt eine weitere Aufgabe hinzu: Die nächste Generation muss entscheiden, welche Gewohnheiten tragen und wo ein eigener Weg beginnen soll. Tradition bleibt nur lebendig, wenn jemand bereit ist, sie zu verändern.

Der Hof arbeitet seit 2020 nach den Prinzipien des Ökolandbaus. Legehennen und Rinder gehören zum Betrieb. Auf den Ackerflächen wachsen Getreide, Mais, Kartoffeln, Ackerfutter und Ackerbohnen. Diese Aufzählung wirkt zunächst sachlich. Hinter ihr steckt ein Alltag, der sich laufend verschiebt. Tiere geben ihren Rhythmus vor. Wetter und Boden setzen Grenzen. Kulturen brauchen zur richtigen Zeit die richtige Arbeit. Die Ackerbohne besitzt dabei gewiss nicht den öffentlichen Auftritt eines Alpakas. Sie scheint damit gut zurechtzukommen und erfüllt ihren Platz im vielseitigen Betrieb ohne besondere Eitelkeit.

Für Johanna Arnemann liegt der Reiz der Landwirtschaft in genau dieser Vielseitigkeit. Kein Tag wiederholt den vorigen vollständig. Das bringt neue Aufgaben und regelmäßig Schwierigkeiten, die sich nicht mit einem Kalenderhinweis erledigen lassen. Die Arbeit mit den Tieren, die Bewirtschaftung der Flächen und die Erzeugung eigener Lebensmittel greifen ineinander. Der Hof entwickelt sich weiter, während die Verbindung zur Familiengeschichte bestehen bleibt. Anerkennung durch Kundinnen und Kunden ist dabei mehr als freundliche Rückmeldung. Sie zeigt, dass die Entscheidungen auf dem Hof außerhalb des Betriebs wahrgenommen werden.

Der Biohof steht damit für eine Form von Kontinuität, die weder Stillstand noch Bruch braucht. Eine junge Betriebsleiterin übernimmt das Wissen früherer Generationen und trägt nun die Folgen ihrer eigenen Entscheidungen. Darin liegt auch eine größere wirtschaftliche Frage für die Region. Wer führt Höfe weiter, wenn die nächste Übergabe ansteht? Welche Bedingungen brauchen junge Landwirtinnen und Landwirte, damit Verantwortung zu einer realistischen Lebensentscheidung wird? Auf dem Bauernmarkt erhält diese Frage ein Gesicht. Der Betrieb aus Großenrode zeigt, dass Herkunft und Entwicklung zusammenpassen, wenn die nächste Generation den Mut zum eigenen Kurs hat.

Hof.Genuss Solling verbindet Acker, Handwerk und Begegnung

Bei Hof.Genuss Solling beginnt ein wichtiger Abschnitt im Jahr 2021. Elias und Franzi Kreuzinger gründeten damals die Lebensmittelmanufaktur Hof.Genuss Solling, den Verein Hof.Kultur Dassel und mit der Geburt ihres ersten Sohnes auch eine Familie. Die Gründung einer Manufaktur, eines Vereins und einer Familie im selben Jahr hätte in vielen Terminkalendern für mehrere Jahre gereicht. In Dassel wurde daraus der Ausgangspunkt für ein Geflecht aus Landwirtschaft, handwerklicher Verarbeitung, Bildung und gemeinschaftlichem Leben.

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In der Manufaktur entstehen Nudeln, Eierlikör und Senf. Inzwischen gehört auch die Einbecker Senfmühle dazu. Die Produkte werden handwerklich hergestellt. Hochwertige Rohstoffe, kurze Wege, nachvollziehbare Abläufe und die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern bestimmen das Konzept. Für Menschen mit eigenen Hühnern fertigt der Betrieb Nudeln und Eierlikör auch als Dienstleistung nach individuellen Wünschen. So wird aus einem Rohstoff aus der Nachbarschaft ein verarbeitetes Lebensmittel, das seine Herkunft nicht hinter einer anonymen Lieferkette verliert.

Seit 2026 gehört lokaler Gemüsebau zum Betrieb. Die Regio-Beziehungskiste versorgt Kundinnen und Kunden wöchentlich mit einem Anteil der saisonalen Ernte. Sie enthält auch Erzeugnisse lokaler Partnerbetriebe. Der Name beschreibt das wirtschaftliche Modell recht genau. Wer eine Kiste bezieht, kauft Gemüse und beteiligt sich an einer verlässlicheren Form des lokalen Anbaus. Die Kundschaft erhält dafür frische Erzeugnisse, Transparenz und einen persönlichen Bezug. Der Acker rückt näher an die Haustür. Zugleich bekommt die viel beschworene regionale Wertschöpfung eine sehr praktische Form. Sie passt in eine Kiste und muss trotzdem jede Woche neu erarbeitet werden.

Auf dem Lern- und Erlebnisbauernhof Lebensmittel.Punkt Dassel kommen Gemüseacker, Tierpflege, handwerkliche Verarbeitung, soziale Teilhabe und Bauernhofpädagogik zusammen. Kinder und Erwachsene sollen landwirtschaftliche Kreisläufe verstehen und den Umgang mit Tieren, Natur und Lebensmitteln praktisch erleben. Hof.Kultur Dassel erweitert diesen Gedanken um Veranstaltungen, gemeinschaftliche Projekte und Räume für Begegnung. Was diesen Betrieb auszeichnet, ist die bewusste Verbindung vieler Bereiche. Lebensmittel entstehen, werden verarbeitet, erklärt und gemeinsam erlebt. Der Stolz liegt hier in einem Hof, der Produktion nicht am Hoftor enden lässt und Menschen zur Mitarbeit, zum Lernen und zum Austausch einlädt.

Wenn aus einem Einkauf ein Gespräch wird

Im Laufe des Sonntags werden sich die Wege auf dem Marktplatz kreuzen. Menschen kommen vom Klostermarkt, bleiben an einer Maschine stehen, beobachten ein Alpaka oder betrachten die Erzeugnisse der Betriebe. Manche werden gezielt einkaufen. Andere werden zunächst aus Neugier stehen bleiben. Beides gehört zu diesem Markt. Regionale Landwirtschaft braucht Absatz. Sie braucht ebenso Gelegenheiten, ihre Arbeit selbst zu erklären. Vertrauen entsteht schwer aus einem Etikett allein. Es wächst leichter, wenn eine konkrete Person Auskunft gibt und auch von den schwierigen Seiten ihres Berufs erzählt.

Die drei Betriebe wählen dafür unterschiedliche Wege. Der Angersteiner Bauernhof verbindet großflächigen Ackerbau mit Direktvermarktung und Tierbegegnungen. Der Biohof Arnemann führt einen Familienbetrieb in die nächste Generation und entwickelt den ökologischen Landbau mit eigenem Kurs weiter. Hof.Genuss Solling bringt Erzeugung, Verarbeitung, Gemüsebau, Bildung und gemeinschaftliche Projekte an einem Ort zusammen. Alle drei zeigen, wie breit Landwirtschaft heute aufgestellt sein kann. Maschinen, Tiere, Wissen, Verkauf und Gespräch gehören zu einem wirtschaftlichen Zusammenhang, der die Region versorgt und zugleich von ihrer Unterstützung lebt.

Wer am Sonntag gegen Abend über die Breite Straße zurückgeht, trägt womöglich ein regionales Produkt in der Tasche. 1.600 Hektar und 600 Felder, eine Hofübergabe in fünfter Generation und eine Gemüsekiste aus Dassel haben dann eine konkrete Bedeutung. Sie gehören zu Gesichtern, Händen und Entscheidungen. Auf dem Münsterplatz klingt das historische Markttreiben, auf dem Marktplatz stehen Landmaschinen, und dazwischen liegt eine Straße, die an diesem Tag kurz genug ist, um vom Einkauf ins Gespräch zu kommen.

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