Wenn 2.000 Jugendlich tanzen, feiern, saufen – dann bleibt kein Auge trocken. Vergangene Woche holten sie die Beach-Party am Northeimer Freizeitsee nach. Stargast Finch war angekündigt, genau so wie der heißeste Tag des Jahres. Damit das alles sicher abläuft, kümmerten sich die Rettungsschwimmer vom DLRG Northeim um große und kleine Sorgen rund um die heißeste Party des Jahres. Ich habe sie dabei begleitet.

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An diesem Samstag steht die Sonne ganz besonders spitz am Himmel. Seit Tagen ist es trocken, heiß und Hell in Northeim. Hunderte zieht es deshalb am Mittag an den Northeimer Freizeitsee. Sie alle müssen bald nach Hause gehen und Platz machen für Tausende mit einer Eintrittskarte. Seit zwei Jahren warten sie darauf, zwischen See und Autobahn ausgelassen zu feiern. Die Beachparty am Freizeitsee hat Tradition, das zehnte Jahr sollte vor der Pandemie gefeiert werden. Das wird jetzt nachgeholt, inklusive Malle-Party-Musiker Finch. Der hat sich den Namen „Asozial“ durch seine überdirekte Art erarbeitet. Bei seinem kurzen Auftritt am Abend wird er versprechen, kurz mal sein Arschloch zu zeigen wenn sich alle benehmen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Endlich wieder ausgelassen feiern: Zwei Jahre mussten sie warten, um die Beachparty am Freizeitsee nachzuholen

Wer tausende Menschen an einem See, vor einer Bühne und mit ganz viel Alkohol feiern lässt, muss auch ein Sicherheitskonzept vorweisen. Das wird vor allem von Menschen umgesetzt. In diesem Fall kümmern sich die ehrenamtlichen Rettungsschwimmer der Deutschen Lebens-Rettungsgesellschaft darum. Der Ortsverband Northeim kümmert sich seit Jahren sowieso um die Sicherheit am Freizeitsee, hat im Sommer an jedem Wochenende die Badeaufsicht. Weil sich auch Rettungssanitäter in ihren Reihen befinden, sind sie an diesem Abend für große und kleine Blessuren zuständig. Dabei möchte ich sie unbedingt begleitet. Um zum einen eine anderen Blick auf die Party am See zu bekommen, vor allem aber um zu verstehen, warum sich junge Menschen das antun. Also nicht die Musik, sondern kotzende und betrunkene Jugendliche aus dem Wasser fischen.

Wie fast alle Rettungsorganisationen im Kreis Northeim, verrichten auch die Rettungsschwimmer in Northeim ihren Dienst im Ehrenamt. Dazu pachten sie von der Stadt wortwörlich ein Haus am See. Dafür leisten sie im Sommer zusätzlich zur Pacht Wachstunden am Badesee. Seit vier Jahren kümmer sie sich auch bei der Beachparty am Freizeitsee darum, dass keiner ins Wasser springt. Passiert das dann doch, holen sie ihn wieder raus. Pflaster kleben, Haare halten, ausschlafen lassen – gehört alles dazu. „Wir haben inwzsichen unsere Erfahrung gesammelt“, sagt Sven Guse. Bis vor Kurzem war er erster Vorsitzender des Ortsverbands. In diesem Jahr hat er mit seinem zweiten Vorsitzenden, Raphael Holz, das Amt getauscht. Er war es, der schon vor zwei Jahren sagte: „Christian, willst du nicht mal mitkommen und zeigen, was wir hier so machen?“ Ja klar. Wie soll ich da nein sagen?

Die Rettungsschwimmer von der DLRG Northeim kümmern sich nicht zum ersten Mal um die Sicherheit während der Beachparty. Trotzdem: Vorbereitung ist alles.

Denn die Jungs und Mädels von der DLRG finden sich oftmals misverstanden. Als Bademeister mit roten T-Shirts und Blaulicht auf Auto und Boot. Letzteres gabe es Anfang des Jahrens sogar neu, finanziert durch Spenden direkt aus Northeim. Unternehmer, Privatpersonen, andere Vereine hatten das Geld zusammengelegt. Die Beachparty ist zugleich der erste große Einsatz von „Nina“, wie sich das neue Rettungsboot genannt haben. Das Vorgängermodell – nicht mehr ganz dicht, mit zu viel Tiefgang und eher unpraktisch – dient jetzt als Ausbildungsboot. Das die Schwimmerinnen und Schwimmer auch in Wettbewerben ziemlich erfolgreich sind, hin und wieder auch an der See Menschenleben retten und samstagabends den Strand aufräumen, wissen viele gar nicht.

Die Kulisse am Freizeitsee ist einmalig. Sogar die Baustelle hat Charme.

Machen sie aber. Und heute passen sie auf, das niemand betrunken in den See fällt. Mit fast 30 Kräften sind sie vor Ort, nicht alle werden an diesem Abend auch ihren Dienst verrichten – einige sind nur da, um zu unterstützen oder weil sie gern etwas mit dem DLRG machen. Ehrenamt eben. Die Vorbereitungen sind schnell erklärt. Am Grundstück der Seegler ist ein Zelt aufgestellt, darin befinden sich Feldbetten. Wer an diesem Abend nicht mehr von alleine stehen kann oder möchte, wird hier kurz zwischengeparkt. Ein vorrat an Kotztüten fängt das auf, was nicht auf dem Rasen landen soll. Am DLRG-Container am Strand wird die Zentrale und erste Anlaufstelle für die Partygäste eingerichtet. Kleinere Verletzungen werden hier direkt verarztet, für den Rest kommt der Rettungsdienst. Etwas Wasser, ein bisschen Desinfektionsmittel – es sind oft die kleinen Gesten, die Leben retten.

Achja, gefeiert wird ja auch. Etwa 2.500 Jugendliche lassen vor der Bühne alles raus…

Zwei Gruppen sind außerdem den ganzen Abend mit Notfallrucksack auf dem Gelände unterwegs, werden ansprechbar sein und im Zweifel auch im Gebüsch nach „Kundschaft“ suchen. Eine dritte Truppe ist auf dem See selbst unterwegs, hält Betrunkene vom Schwimmen ab und vertreibt Badegäste, die zwar Geld für eine Yacht, aber nicht für ein Ticket haben. Ja, auch das gehört dazu – und passiert an diesem Abend öfter, als man zunächst glauben möchte. Dabei reichen aber nette Worte. Die finden Raphael Holz an diesem Abend überraschend oft. Immer wieder redet er besänftigend auf aufgebrachte und mehr als angetrunkene Gäste ein, findet immer Lösungen und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als während des Auftritts von Finch ein mittleres Chaos ausbricht. Aber dazu später mehr.

Je später der Abend, desto voller wird es auch im Zelt der DLRG. Während die einen alles vor der Bühne aus sich herausholen, sind hier diejenigen, die die Kontrolle über ihren Magen und ihre Kopf verloren haben, in guten Händen.

An diesem Abend begegnen wir Menschen, die ihre Fähigkeit, Alkohol zu verarbeiten, deutlich überschätzt haben. Oder denen in den vergangenen Jahren einfach die Möglichkeit fehlte, diesen „Muskel“ zu trainieren. Je später der Abend, desto voller wird das Zelt der DLRG. Zwischenzeitlich liegen dort sechs Jugendliche, die sich entweder an Freunden oder an einer Spucktüte festhalten. Nicht immer hält das eine oder das andere. Am Container suchen Gäste nach großer und kleiner Hilfe: Etwas Wasser, ein bisschen Desinfektionsmittel oder ein Pflaster. Manchmal auch alles gleichzeitig, sodass alle Helfer gefordert sind. Zu großen Verletzungen kommt es an dem Abend nicht, und auch die Schnapsleichen wachen spätestens am Morgen wieder auf.

Auch auf der Fläche haben die Retter alles im Blick. Am Ende war es ein Einsatz, der vieles von den Ehrenamtlichen abverlangte. Dennoch freuen sich alle auf das nächste Mal.

Warum also bereitet dieser Dienst am Nächsten den Rettungsschwimmer so viel Freude? DLRG-Vorsitzender Raphael Holz hat es wunderbar beschrieben. Was er sagt und die komplette Reportage kannst du jetzt im Video anschauen. Viel Spaß!

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