Mit einem Protestmarsch und einer Kundgebungen am Marktplatz haben am Dienstagabend Landwirte und Vertreter aus dem Mittelstand gegen die Bundesregierung und für eine „volksgerechte Politik“ demonstriert.

Hoffen auf Schnee

Dass Sandra Sohnrey am Dienstagabend etwas geknickt war, merkte man ihr auf der Bühne nicht an. Sie weiß, was zu sagen ist: Ungerechte Bundespolitik, gegängelte Landwirte. Einfache Worte reichen, um die Gründe zu nennen, die die Landwirte seit Wochen auf die Straße bringen. Gemeinsam mit Arne Röttcher hatte sie die Demo „Südniedersachsen steht auf – Hand in Hand für unser Land“ organisiert. Angemeldet hatten sie ursprünglich 500 Teilnehmende, 300 trafen sich schließlich erst am Mühlenanger und marschierten dann protestierend vor die Alte Wache. Röttcher und Sohnrey hatten sich mehr erhofft, glauben aber an einen Schneeball. „Nächstes Mal bringt jeder nochmal fünf Freunde mit“, ruft Sohnrey ins Mikrofon.

Sandra Sohnrey spricht als Initiatorin und Landwirtin, hofft auf mehr Teilnehmer beim nächsten Mal.

Was ist „volksgerechte Politik“?

Vielleicht schreckte der Wunsch nach einer „volksgerechten Politik“ von einem Besuch ab. Was das bedeutet, sollten am Abend die Redner auf der Bühne inhaltlich erklären, sagte Arne Röttcher in einem Vorgespräch. Doch auch die schauten etwas zweifelnd. „Schwierig“, meinte einer der Redner, als er nach dem Begriff gefragt wurde.

Sie hatten etwas zu sagen

Neben Initiatorin und Landwirtin Sandra Sohnrey sprachen auch Marco Fries als Gastronom, Ann-Cathin Brüning aus dem Bereich der Pflege, Tobias Hartmann aus dem Transportgewerbe, Hans Jürgen Mix aus dem Einzelhandel und Armin Ohse aus dem Handwerk.

Unternehmer Hans Jürgen Mix sorgt sich um die Zukunft des Landes und die (finanzielle) Belastung seiner Angestellten.

Hört Berlin zu?

Sie alle fühlen sich von der Politik in Berlin ungehört und solidarisieren sich so mit den Protesten der Landwirte. Sohnrey stellt jedoch klar: „Wir wollen ‚die Ampel muss weg‘ nicht“. Stattdessen sieht sie die bestehende Regierung in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Denn „eine Alternative gibt derzeit es nicht.“

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Trotz und Protest

Aus der Zuhörerschaft bekam sie dazu gemischte Reaktionen. Viele mitgebrachte Plakate stellten sich recht klar gegen die Ampel. Auch in Gesprächen, beispielsweise am Mühlenanger, fühlen sich viele Teilnehmende in eine Ecke gedrängt, reagieren trotzig. „Ist der Bürger unbequem, ist er plötzlich rechtsextrem“, ist beispielsweise ein Zitat der AfD-Chefin Alice Weidel zu lesen.

Mit Plakaten und Lichtern waren die Protestierenden an den Marktplatz gekommen.

Rechts und links

Handwerker Armin Ohse tut sich schwer mit der Kritik, die Proteste der Landwirte seinen rechts. „Wir sind weder rechts noch links“, sagt der Kalefelder. Immer wieder gibt es Rufe aus dem Publikum. In diesem Fall die Betonung „ganz bestimmt nicht links“. Mit Blick auf die aktuelle Bundesregierung greift er zur Metapher: „Wenn ich schon schlechte Zutaten habe, kann ich mit Wille würzen, aber am Ende kommt nicht heraus, was gut schmeckt.“ Und meint: „Wenn sie nicht funktioniert, dann muss eine Ampel weg.“ Dafür gibt es Zustimmung. Ohse vermisst bei Themen wie Klima und Energie den Sachverstand in den Reihen der Politik, könne viele Aussagen nicht nachvollziehen, die in den Medien auftauchen. „Lügenpresse“ wird später hineingerufen.

Armin Ohse (rechts) im Gespräch mit Gustavo von „Göttingen heute“

Beharrliche Landwirte

Gastronom Marco Fries sieht die Herausforderungen der Landwirte auch in seiner Branche angekommen. „Wenn die Landwirtschaft teuer produzieren müssen, wer kann dann noch essen gehen?“ Er lobt die Landwirte für ihre Beharrlichkeit. „Man kann auf die Straße gehen und demonstrieren, aber die in Berlin haben offenbar ein eigenes Problem.“ Deshalb sei es wichtig, dranzubleiben. „Ich denke, man muss weitermachen. Man muss denen zeigen: Wir haben wirklich die Schnauze voll.“

Gastronom Marco Fries findet, dass noch mehr Menschen auf die Straße gehen müssen.

Die Pflege wird Luxus

Hans Jürgen Mix mache es „ein wenig Angst, wie es in Deutschland weitergehen soll“, sagt der Unternehmer. „Durch die gestiegenen Kosten wird alles für uns teurer.“ Und: „Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter von einem Vollzeitjob leben können.“ Ann-Cathrin Brünig pflegt Menschen – und sieht ihren Beruf kurz vor dem Kollaps. Grund: „Schon jetzt fehlen über 200.000 Pflegekräfte“, sagt die Pflegedienstleiterin aus Katlenburg. Das Angebot geht zurück, die Preise steigen. In der Folge können sich viele Menschen mit Anspruch und Bedarf die Pflege Zuhause oder im Heim nicht mehr leisten.

Pflegedienstleiterin Ann-Catrin Brünig sorgt sich über die Zukunft ihrer Branche und einen drohenden Pflegenotstand

Kein Wettbewerb

Transportunternehmer Tobias Hartmann kritisiert den ungleichen Wettbewerb in der Logistik im europäischen Vergleich. Vor allem in Osteuropa sei der Diesel um ein Vielfaches billiger, hiesige Unternehmen gehen lieber daher auf ausländische Angebot ein.

Transportunternehmer Tobias Hartmann ist auch Dienstleister für die Landwirtschaft, muss rund um die Uhr erreichbar sein. Den Wettbewerb mit ausländischen Transportunternehmen könne die deutsche Wirtschaft nicht gewinnen.

Keine Politiker

Kritik gab es für die Demos gegen rechts, für die Landwirtin Sohnrey „kein Verständnis“ habe, dass sich die Politiker dort in die erste Reihe stellen, sich „hier aber nicht blicken lassen.“ Tatsächlich war am Abend kein regionaler Politiker vor Ort, der auch das Wort ergreifen wollte.

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Gegen die Eliten

Insgesamt wirkte die Stimmung aufgeheizt und frustriert. Die Zwischenrufe waren wütend und brachten auch die Redner mehrfach aus ihrem Konzept. Aus vielen Mündern kam die Ablehnung gegenüber einer politischen Elite, die in Berlin und anderswo den Bürger ohne Chance auf eigenes Mitwirken lenke. Eine Form der Ohnmacht, die sich vor der Bühne laut und leise Luft gemacht hat. Die Polizei war – auch aufgrund der Absperrmaßnahmen – mit vielen Kräften vor Ort. Laut eines Sprechers verlief der Abend aus Polizeisicht aber friedlich. Im Anschluss setzten viele Landwirte mit dem Traktor laut und langsam zur Heimreise an.

Sie wollen wiederkommen und weiterhin für ihre Interessen auf die Straße gehen.

 

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