Haare wie ein Schutzhelm

Der Mini-Shutdown während der Corona-Krise hat viele Bereiche des sozialen Lebens in Northeim vor allem im Detail getroffen. Nichts davon war wichtig für das Überleben, aber alles entscheidend für unser Leben. Der Restaurantbesuch, der Kinoabend – vor allem aber die Haarpflege. Schon nach wenigen Wochen war den Köpfen zwischen Rhume und Wieter anzusehen, wie ernst die Zeiten sind. Seit einer Woche dürfen Friseure aber wieder arbeiten, wenn auch mit strengen Auflagen und Hygienebeschränkungen. Ein Erfahrungsbericht.

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Bewunderung und Neid

Wie ein Schutzhelm vor Bösem und Gefahr wuchs es Strähne für Strähne, Woche für Woche und Tag für Tag über den Kopf. Die wenigen grauen Haare ziehen wie Leuchtstreifen links und rechts an den Ohren vorbei. Aber ich bin nicht allein: Wuschelköpfe zogen durch die Straßen, wenn sie es denn durften und mussten. Die Friseursalons blieben geschlossen. Bangen und Hoffen für eine ganze Industrie. Denn ein geschlossener Salon verdient kein Geld, kostet aber Miete. Ein Friseur ohne Beschäftigung generiert kein Einkommen, muss aber Essen und Trinken. Nun also die Lockerung unter Auflagen. Wer einen Termin beim Friseur ergattert, dem sind Bewunderung und Neid sicher.

Ein Friseurbesuch ist mehr als nur Haareschneiden. Es ist eine besondere Form der Sozialisierung: Fremde Hände werden an den Kopf gelassen mit der Aufgabe, Einfluss auf das Erscheinungsbild zu nehmen. Und zwar an einer Stelle, die jeder sieht. Es geht um die Berührung und das Wort, das dabei gesprochen wird. Viele Friseure sind auch Psychologen und gute Freunde. Der neuste Klatsch und Tratsch, die kleinen und großen Sorgen. Und danach ist alles leichter; Der Kopf und auch das Herz.

Der Besuch beim Friseur unterliegt strengen Regeln: Nur jeder zweite Platz wird belegt, Friseur und Gast tragen Mundschutz, die sonst liebevoll bemusterte Schutzdecke ist gegen ein Einmal-Plastik getauscht. Die Haare müssen vorher gewaschen werden, der Kunde und der Friseur tragen jeweils eine Maske. Die Friseur-Decke ist durch einen Einmal-Plastikumhang ersetzt. Außerdem wird nun grundsätzlich immer das Haar gewaschen. Für mich persönlich etwas, das bereits vor der Corona-Krise sinnvoll war.

Gute Worte

Die Beziehung zum Friseur ist immer eine besondere. Wer sich nicht schon seit Jahren mit der Elektroscheere die Haare selbst quartalsweise schneidet, legt die Kopfsache vertrauensvoll in trainierte Hände. In meinem Fall kümmert sich Friseurmeisterin Antonia Düe um das mittlerweile ergraute Haupt. Das, worüber wir reden, hat sie sich bestimmt schon den ganzen Tag von vielen Gästen anhören müssen – Lustige Masken, tolles Wetter, große Krise, schwere Zeit, „toll, wie sie das machen“. Und: Alles wird wieder gut. Es wirkt aber, als störe sie das nicht, denn sie darf endlich wieder Haareschneiden. Zu lange waren die Friseurgeschäfte auch in Northeim geschlossen. Zu lang wurde das Haar und dadurch die Zeichen immer deutlicher, wie ernst die Lage ist.

Gemessen an Krankheit und Tot, beides Faktoren, die untrennbar mit Corona zusammenhänge, sind Haarlänge und -Farbe lächerliche Sorgen. Doch die Rückkehr zu einem Zustand, zumindest auf dem Kopf wieder die Kontrolle haben zu können, schafft auch Kontrolle zurück in den Kopf. Das ist zu jeder anderen Zeit etwas Selbstverständliches. Nun aber ist aber eine Zeit, in der wir auf Distanz gehen müssen, um uns zu schützen. Jedes Mittel und jede Chance, diese Distanz ohne den Verlust des Schutzes zu verringern, ist für uns soziale Menschen ein kleiner Sieg.

Aber auch, wenn die Innenstädte und Geschäfte, Salons und Studios nun wieder öffnen, Besucher empfangen und trotz aller Auflagen ein Stück Normalität zurückkehrt: Wir haben noch nicht gewonnen.

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