Die Northeimer Nahrungskette

Menschen haben Hunger. Aber manchmal reicht es schon am Monatsanfang nicht mehr für den normalen Einkauf. Deshalb gibt es die Tafel, auch in Northeim. Dort bekommen Berechtigte schon für 1,50 Euro  einen Korb mit frischem (!) Essen: Obst, Gemüse, Backwaren, Joghurt, Milch, Fleisch, Käse, Wurst…

Essen, das große Supermärkte sonst wegschmeißen müssten. Nicht, weil es schlecht oder abgelaufen ist. Sondern weil es übrig ist, kurz vor Ende der Mindesthaltbarkeit steht oder ganz einfach kein Platz mehr ist im Lager. Genau dann kommt die Tafel vorbei und nimmt die Spenden dankend entgegen. Doch wie funktioniert das eigentlich genau? Und was sind das für Menschen, die sich ehrenamtlich auf dieses Abenteuer einlassen.

Der Glücksbringer ist der einzige Transporter der Northeimer Tafel,

Die Tafel in Northeim versorgt pro Woche fast 250 Menschen mit frischen Nahrungsmitteln. Menschen, die kaum Geld zum Leben haben, bekommen Brot, Gemüse, Obst und Milch.  Aber wie genau kommt die Tafel an die Waren? Wer sind die Menschen hinter dem Tresen? Exklusiv schaut Northeim Jetzt hinter die Kulissen.

Einen ganzen Tag lang waren wir unterwegs mit dem Glücksbringer. Ihr wisst schon, dieser weiße Ford Transit, der euch manchmal auf dem Parkplatz eures Supermarktes entgegen kommt. Täglich fährt er die Märkte der Region an und holt das ab, was zwar noch gut und haltbar ist, aber nicht mehr verkauft werden kann, darf oder soll. Dann warten in den Lagern Kisten mit Obst und Gemüse, mit Wurst, Käse, Joghurt, Brot. Also alles, was in den normalen Einkaufswagen gehört. Manchmal hat die Banane eine Druckstelle oder der Käse sind kurz vor dem Ende der Haltbarkeit. Also müssen die Sachen raus aus dem Regal. Manchmal wurde auch zu viel bestellt. Doch immer muss es vor allem eines: weg. Normalerweise wird es weggeschmissen. Oder eben an die Tafel gespendet.

Ein kalter Tag für eine warmherzige Idee

Karsten Kaune ist Betriebsleiter der Tafel in Northeim und führt dabei so manchen Kampf: Für die Menschen, gegen Vorurteile und mit den engen Räumen. Fotos: cv

Es ist kalt an diesem winterlichen Donnerstag morgen.

Das Gebäude der Northeimer Tafel am Rückingsanger ist klein und eng, aber warm. Wartezimmer, Verkaufsraum, Küche und Kühlkammer. An der Tür lagern Kistenweise Obst und Gemüse.  Karsten Kaune ist Betriebsleiter und Teil des Vorstands. „Die sind für Nörten-Hardenberg, dort ist heute Nachmittag Ausgabe.“ Einmal in der Woche ist die Northeimer Tafel dort im Gemeindehaus und gibt Essen aus. Das die Bedürftigen nur 1,50 Euro bezahlen, hat mehrere Gründer. Der wichtigste ist die Symbolkraft. „Die Leute fühlen sich besser, wenn sie die Sachen nicht geschenkt bekommen. Sondern das Gefühl bleibt, für die Waren auch etwas zu bezahlen.“

Es sind vor allem Supermärkte aus der Region, die bei der Tafel mitmachen. Die Tafel in Northeim ist ein eingetragener Verein, also ist es die Aufgabe des Vorstandes, diese Kontakte zu knüpfen. Rewe, Aldi, Penny – die Namen aus der Werbung sind auch die Namen auf der täglichen Tafel-Tourliste. Doch auch der Fruchthof in Northeim, Bäckereien und eine große Fleischerei machen mit. Sie alle haben täglich oder einmal pro Woche etwas übrig. Abgeholt wird mit dem Glücksbringer. Ein Ford Transporter mit großer Ladefläche und Kühlanlage für den Sommer. Donnerstags stehen drei Touren an, sie führen uns nach Moringen, Bovenden, Katlenburg und Nörten. Überall wird der weiße Wagen bereits erwartet. Paletten stehen bereit, Kisten oder Einkaufswagen.

„Guten Tag, die Tafel“

Ist das Obst oder Gemüse nicht mehr frisch, wird es vor Ort noch entsorgt.
Ein Fahrer, ein Packer. Beide kennen die Mitarbeiter inzwischen, und die Mitarbeiter erkennen sie. „Manchmal können wir gleich ins Lager durchgehen, manchmal kommt noch jemand mit“. Vieles kommt aus der Kühlkammer, frisch gelagert und extra für die Tafel aussortiert.

„Die Kette darf nicht unterbrochen werden, sonst nehmen wir es nicht mit.“ Auch die Supermärkte nehmen das ernst. Was sie an die Tafel spenden, ist kein Abfall, sondern schlichtweg übrig. Faules Gemüse, angebrochene Packungen oder wochenlang über dem Verfallsdatum? Wird gleich vor Ort aussortiert. „Eigentlich passen die da auch selber drauf auf. Manchmal verirrt sich aber etwas verdorbenes im Karton“. Was hier nicht auffällt, wird später in der Tafel aussortiert. Einmal in der Woche geht es dann nach Blankenhagen: die großen Tonnen abliefern.

Heute gibt es im Vergleich wenig. Vielleicht, weil die Presse dabei ist? „Montags ist immer besonders viel.“ Donnerstags eigentlich auch. Zumindest der Himmel ist heute blau, der Wagen trotzdem nicht ganz voll. Heiko muss heute auch oft aussortieren: eine Kiste Orangen hat Frost abbekommen, ein paar Bananen sind gebrochen und der Kartoffelsalat war schon offen. Backwaren gibt es dafür heute im Überfluss. Manchmal wundert es die beiden Fahrer schon sehr, was die Supermärkte so alles wegwerfen. Manche Haltbarkeitsdaten ragen bis weit in den März hinein. „Wahrscheinlich war einfach kein Platz mehr im Lager“, wird vermutet. Vielleicht meinte es die Filialleitung auch gut. Zweimal kommt der Glücksbringer an diesem Vormittag an der Tafel vorbei. Abladen, ein schneller Kaffee und weiter geht es.

Manche Supermärkte brauchen einen Lieferschein für die Akten, andere winken den Besuch einfach so durch. Das Verfahren ist immer gleich. Hallo Sagen, fragen, Sachen sichten, umpacken, in den Wagen. Fertig. Viel Abwechslung ist das nicht. Aber auch die Anstrengung hält sich in Grenzen. Zugute kommt dies jenen, die sich freiwillig für die Mitarbeit entscheiden. Und das sind im Wesentlichen alle. Die Tafel setzt auf das Ehrenamt in einer Form, wie sie kaum vergleichbar ist. Denn tatsächlich wird ein klassischer Betrieb aufrechterhalten. Ein echter Kaufmannsladen.

Ein eiskalter Blick, von oben herab

Die Handgriffe sitzen. Nach der Tour wird der Wagen entladen und das Lager bestückt.
Die Tafel hat ein Imageproblem. Das leugnet auch Karsten Kaune nicht. Etwas ändern wird sich daran aber kurzfristig nicht. Das Problem wirkt allerdings schwer. Außenstehende schauen auf die Institution herab. Und bedürftige schämen sich oft viel zu sehr, um das Angebot zu nutzen – selbst dann, wenn sie es dürften. Auf seinen Touren wird der Glücksbringer samt Mitfahrer hin und wieder seltsam angeschaut. „Die meisten sind neugierig oder wissen bescheid, dass hier gerade eine gute Sache unterstützt wird“, sagt Michael. Es gibt aber auch andere Beispiele: Filialleiter, die kein einziges Wort sagen, wenn der Glücksbringer kommt. Abfall in den Kisten oder gar verschlossene Türen. Das passiert, ist aber die Ausnahme.

Das Gros unterstützt die Northeimer Tafel. Und auch deshalb ist es noch möglich, den Betrieb in seiner jetzigen Form aufrechtzuerhalten. Das seit ein paar Jahren mehr Flüchtlinge auch im Landkreis Northeim untergebracht sind, merkt man aber auch bei der Essensausgabe. Laut nicht veröffentlichen Zahlen sind zwar fast 60 Prozent aller Berechtigten deutsche. Auf den weiteren Plätzen finden sich aber bekannte Herkunftsländer gemeldeter Flüchtlinge.

Vor der Arbeit gibt es ein gemeinsames Frühstück der Mitarbeiter. Diese sind genauso international wie die Kundschaft.
Dienstags und freitags ist in der Northeimer Tafel öffentlich Ausgabe. Zwei bis drei Leute können gleichzeitig einkaufen. Für sie gibt es einen vorher gepackten Korb und eine Auswahl Obst und Gemüse. Die Körbe sind vorher definiert: Für Einzelpersonen, für Familien und Muslime (ohne Schweinefleisch). Die Mitarbeiter sind so international wie die Kunden. Vor der Arbeit gibt es ein gemeinsames Mittagessen. Die Gemeinschaft ist eng. Philipp geht noch zur Schule, 8. Klasse Thomas Mann, und hilft anschließend in der Tafel aus. Die Stimmung ist ausgelassen. Jeder weiß, was ihn gleich erwartet. Manchmal, erzählen sie, wird verhandelt, ob es nicht doch ein Stück mehr geben könnte. Oder warum das Lieblingsessen heute nicht mit dabei ist. Doch dann müssen sie konsequent bleiben, egal wie hart das Schicksal ist. „Das braucht ein hartes Fell“, sagt Karsten Kaune.

Geben und nehmen können

Philipp kommt freiwillig nach der Schule und hilft in der Tafel aus
Jeder besetzt seine Position, die Handgriffe sitzen genau. An einem normalen Ausgabetag kommen bis zu 100 Berechtigte. Sie haben eine Karte dabei, die sie ausweist und auf der genau vermerkt ist, wann sie dran sind. So werden die Mitarbeiter der Tafel Herr über ein drohendes Chaos. „Früher standen die Leute bis auf die Straße“, erzählt Kaune. Heute „ist System drin“. Wer es nicht selbst zweimal die Woche an den Rückingsanger schafft, der wird inzwischen auch beliefert. „Ein Dienst, den wir seit kurzem Anbieten für Menschen, die zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu uns kommen können, uns aber brauchen“, sagt Kaune.

Damit die Tafel so weitermachen kann, ist sie auf Spenden angewiesen. Spenden von den Supermärkten, klar. Aber der Betrieb kostet trotz dem Geld. Kosten, die allein von 1,50 Euro pro Einkauf nicht gedeckt werden können. Deshalb setzt der Vorstand und die Mitglieder auf die Bereitschaft Northeimer Unternehmen und Einrichtungen. Die Wände des kleinen Hauses am Rückingsanger sind voll mit Übergabe-Schecks und Danksagungen. Auch dafür wird der Platz langsam eng. Aber noch funktioniert es. Der Tag ist für die Mitarbeiter erst zu Ende, wenn alle Kunden versorgt sind. Danach wird geputzt.

Ein Blick hinter die Tafel der .. eh, Tafel.
Der Lohn ist für alle jene Überzeugung, etwas Gutes getan zu haben. Philipp inspiriert außerdem viele Menschen in seinem Alter für soziales Engagement. Das es in Northeim politische Auffassungen gäbe, wonach die Tafel in Northeim eigentlich nicht notwendig sei, macht Karsten Kaune wütend. Denn tatsächlich wird die Arbeit immer mehr, die Ströme von Berechtigten nehmen von Jahr zu Jahr zu und auch die Situation rund um schutzsuchende Flüchtlinge sei bei der Tafel spürbar. Trotzdem gibt es sie; diese Tür in Northeim, die für Hilfe immer offen steht.

 Beitragspaten: Frank Demann

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