Die Lage auf den Intensivstationen in Niedersachsen spitzt sich zu. Zuletzt wurden Rufe aus der Uniklinik in Göttingen laut, das dringende Maßnahmen notwendig seien, um die Lage zu entlasten. Ein Blick in die Northeimer Klinik macht allerdings stutzig: aktuell werden dort zwei Covid-19-Patient intensiv betreut. Laut Dr. Jens Kuhlgatz, Ärztlicher Direktor der Helios Albert-Schweitzer-Klinik Northeim, „stehen noch Intensivbetten und Beatmungsplätze zur Verfügung.“ In Göttingen kümmern sich die Mediziner derweil vor allem um die schweren Fälle – und stehen mit den Northeimer Kollegen im engen Austausch.

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Northeim ist vorbereitet

Doch Kuhlgatz warnt wie viele seiner Kollegen, die Klinik sie „weiterhin auf einen Anstieg schwer verlaufender COVID-19-Erkrankungen vorbereitet.“ Er bestätigt vor gut einer Woche, dass auf der Intensivstation der Klinik in Northeim ein Patient mit einer Covid-19 Erkrankung isoliert behandelt und auch beatmet werde. „Weitere Betten sind von intensivpflichtigen Patienten mit anderen Diagnosen belegt“, so der ärztliche Direktor. Inzwischen meldet das Krankenhaus zwei Patienten auf der Intensivstation. Ein weiterer Patient wird auf Normalstation versorgt.

Doch warum sind die einen Intensivstationen überlastet, während andere große Kapazitäten melden? Tatsächlich sind die Kliniken laut Kuhlgatz trägerübergreifend vernetzt und tauschen sich regelmäßig aus. „Speziell zur Situation auf den Intensivstationen der Region stimmen sich die Verantwortlichen einmal wöchentlich per Telefonkonferenz ab“, heißt es auf Nachfrage. „Je nach aktueller Auslastung sind wir gegebenenfalls auch in der Lage, intensivpflichtige COVID-19-Patienten aus anderen Krankenhäusern aufzunehmen, sofern wir entsprechende Anfragen erhalten“, betont Kuhlgatz.

Auch Stefan Weller, Sprecher der Uniklinik Göttingen, lobt die gute Zusammenarbeit. „Seit letztem Jahr gibt es das „Covid-19-Kooperationsnetzwerk Südniedersachsen/ Nordhessen“, in dem sich nahezu alle regionalen Kliniken zusammengeschlossen haben. Hier findet ein sehr guter und regelmäßiger Austausch statt.“ Meistens nimmt dann aber die Klinik in Göttingen Patienten aus der Region auf, denen es besonders schlecht geht.

Uni-Klinik bleibt Schwerpunkt

Denn die Uniklinik in Göttingen ist für die Versorgung in Südniedersachsen entscheidend. Dort gibt es die meisten Intensivbetten der Region, dorthin übergeben andere Kliniken die am schwersten betroffenen Patienten. „Patient*innen, deren Zustand sich zum Teil rasch und dramatisch verschlechtert, werden von den regionalen Krankenhäusern kurzfristig an die UMG verlegt und dort aufgenommen.“

Am Freitag sind laut Klinik-Sprecher Stefan Weller 24 der 26 speziell für Covi-Patienten vorgehaltenen Intensivbetten belegt. 18 von ihnen werden beatmet, 12 Patienten sind zudem an ECMO, einer externen Lunge, angeschlossen. „Die UMG ist jederzeit in der Lage, gegebenenfalls weitere Intensivbetten für die Versorgung von COVID-19 Patient*innen frei zu machen und damit die Versorgungskapazitäten auszuweiten“, so Weller.

Für rund 26 Millionen Euro baut die Uniklinik aber zusätzlich und in Höchstgeschwindigkeit eine neue modulare Intensivstation auf. Das Land Niedersachsen übernimmt 12 Millionen Euro der Baukosten, die Uniklinik 14,6 Millionen Euro. Dadurch solenl 41 neue Intensivplätze speziell zur Behandlung einer neuen Corona-Welle bereitstehen.

„Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) benötigt dringend weitere Kapazitäten für die Versorgung einer größeren Zahl schwer erkrankter COVID-19-Patient*innen“, heißt es zum Bau in einer Pressemitteilung. Das soll durch diesem Neubau geschehen, könnte aber auch durch Abgabe der Patienten an freie Kliniken funktionieren.

Dass das aber bereits passiert, bestätigt auch Uniklinik-Sprecher Weller. „Die Krankenhäuser der Region, auch die Northeimer Helios Klinik, haben sich angeboten, bei enger werdenden Kapazitäten Covid-19-Patient*innen aus der UMG zu übernehmen. Diese Angebote wurden in Anspruch genommen.“ Oft werde dann in der UMG Platz gemacht für Patienten, denen es deutlich schlechter geht.

Schwieriger Verlauf, jüngere Patienten

Zusätzlich zu Covid-Erkrankungen sind die Intensivstationen in der Region aber auch durch Patienten ausgelastet, die mit anderen Beschwerden medizinisch versorgt werden müssen. Corona kommt dann quasi noch zusätzlich dazu. Speziell bei Covid-Patienten aber werden laut Weller „mehr Fachpflegekräfte mit intensivmedizinischer Kompetenz benötigt, um die Erkrankten zu versorgen und zum Beispiel die Patient*innen unter Beatmung im künstlichen Koma umzubetten.“

Laut Weller lasse sich zudem feststellen, dass die betroffenen Patienten immer jünger werden. „Waren es im letzten Jahr überwiegend Ältere, so müssen nach den erfolgreichen Impfaktionen der über 80-Jährigen sowie in den Altenpflege- und Seniorenheimen zunehmend jüngere Patient*innen, auch deutlich unter 50 Jahren, intensivmedizinisch und unter Beatmung versorgt werden.“ Vor allem die britische Mutation sorge bei jüngeren Menschen vermehrt zu schweren Krankheitsverläufen.

Weniger Kontakte

Wie auch die Kollegen in Northeim fordert Weller deshalb, Kontakte zu reduzieren und sich impfen zu lassen. „Entscheidend sind weiterhin die Reduktion von Kontakten in der Bevölkerung, das strikte Einhalten der Abstandsregelungen und das Tragen von medizinischem Mund-Nase-Schutz in den öffentlichen Bereichen. Nur so lassen sich die Belegungszahlen in den Kliniken und Krankenhäusern reduzieren. Gleichzeitig müssen Umfang und Tempo der Impfungen ausgebaut und beschleunigt werden. Ein länderübergreifendes, konsequent einheitliches Vorgehen bleibt wünschenswert.“

https://steadyhq.com/de/northeim-jetzt

 

 

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